Wird die Bankfiliale überleben?
Nein, zumindest nicht laut Zukunftsvisionär Brett King.

King, Bestseller-Autor von Bank 2.0 und Gründer von Movenbank, glaubt dass Finanzinstitute, die weiterhin in diesen maroden Kanal investieren, Zeit, Energie, Ressourcen und Geld verschwenden. In seinem neusten Werk “Branch Today, Gone Tomorrow“, legt Brett King seine unerschütterliche Überzeugung dar, dass der endgültige Tod aller Bankfilialen bald eintreten wird… wenn er nicht schon längst begonnen hat.“Viele Banken versuchen mit erheblichen Anstrengungen, an der Bankfiliale festzuhalten „, schreibt King.“Je mehr wir darüber streiten, ob die Filiale als Herzstück des Kundenkontaktes erhalten bleiben soll oder nicht, desto weniger denken wir darüber nach, wie wir in Zukunft weiterhin erfolgreich mit unseren Kunden zusammenarbeiten können.“

Als zentrales Argument führt King in seinem Buch das Festhalten an alten Strukturen und den damit verbundene Niedergang auf. Er ist der festen Überzeugung, dass die Bankenbranche ein ähnliches Schicksal ereilen wird wie die Telekommunikationsbranche, in der einst alles-beherrschende Konzerne durch neue Player mit neuen Technologien ersetzt wurden.

Traditionelle Unternehmen werden nicht durch ihre Größe, ihr langjähriges Bestehen, ihre Tradition oder ihre bisherigen Strukturen geschützt, wenn neue Technologien den eigenen Markt revolutionieren. King führt hier als Beispiel den kometenhaften Aufstieg des Internet-Banking an. Er sieht das explosive Wachstum der Online-Banken wie ING Diba und Ally als Omen für den  bevorstehenden Kanalwechsel. Insofern könnte „Branch Today, Gone Tomorrow“ als eine prophetische Warnung an den weltweiten Bankensektor gedeutet werden, mit der Hauptbotschaft sich weiterzuentwickeln oder zu sterben.

Als Beleg für die digitale Zukunft erinnert uns King an den enormen technischen Wandel, den das Internet in der Gesellschaft, bei Buchhandlungen, Videotheken, Musikläden erzwungen hat. Und mal ehrlich: Wer kauft heute noch dicke und schwere Enzyklopädien? Niemand! Online und mobil, das ist die Zukunft, auch für Banking.

Seine Vision der digitalen Zukunft ist eine Welt, die von mobilen Finanzdienstleistungs- Apps dominiert wird. Gestützt wird seine These durch die Erfahrungen einiger großer US-Banken: Kunden nehmen das Mobile Banking 300 bis 500 mal schneller an, als das Internet Banking zuvor. Laut King sollte Steve Jobs hierbei alle Ehre gebühren, denn er war es, der durch seine visionären Führung und Produktentwicklung den Grundstein des Ganzen in der Gesellschaft tief verankert hat. Brett King geht sogar so weit zu behaupten, dass der Abschied des Filialbankings, der Schecks, der Karten und des Bargelds allein auf den Technologiesprung durch das iPhone zurückzuführen sind.

Fragt man King danach, wann das alles geschehen wird, antwortet er mit „bald“.“Meine Kinder werden, wenn sie einmal Studenten oder Arbeitnehmer sind, wahrscheinlich nie persönlich eine Bankfiliale besuchen müssen, um ihre Anliegen zu regeln.“

Es stimmt, die Kinder von Brett King werden wohl nie eine Filiale besuchen müssen. Was aber, wenn sie es wollten? Meiner Meinung nach geht Brett King mit seiner Vision sehr angriffslustig an das Thema Filialbanking von morgen heran, allerdings mit nachvollziehbaren Beispielen und Belegen. „Branch Today, Gone Tomorrow“, daran glaube ich persönlich nicht. King provoziert gerne mit seinen Büchern und stößt dadurch den wichtigen Prozess des Umdenkens in der Bankbranche an. Die Trends, die er in seinem Werk verarbeitet, stammen hauptsächlich aus den USA. Doch wie sieht es in Europa aus? Eine kürzlich veröffentlichte Studie der British Telecom Group in Zusammenarbeit mit Avaya ergab, dass 62 Prozent der deutschen Kunden auch künftig die örtliche Filiale als die wichtigste Anlaufstelle sehen – trotz steigender Beliebtheit von Telefon-, Online- und Mobile-Banking. Allerdings sind Kunden auch offen für neue Wege der Interaktion. Die befragten deutschen Kunden würden gerne häufiger Web-Chat (16 Prozent), Video-Chat (11 Prozent) sowie „Co-Browsing“ (16 Prozent) einsetzen. Mobile Banking gewinnt in allen untersuchten Ländern an Popularität: Fast ein Viertel (24 Prozent) der Befragten hat bereits ein entsprechendes Angebot ausprobiert (in Deutschland: 21 Prozent), und etwa ein Drittel (34 Prozent) möchte von der Möglichkeit Gebrauch machen, mobil zu bezahlen (in Deutschland: 24 Prozent). 41 Prozent der Befragten (in Deutschland: 34 Prozent) wünschen sich in den Bankfilialen einen freien WLAN-Zugang, offenbar ein Zeichen dafür, dass sie verschiedene Kommunikationskanäle parallel nutzen möchten.

Wahrscheinlich wird es immer einen Teil in der Bevölkerung geben, die ihre finanziellen Angelegenheiten lieber persönlich mit ihrem Berater vor Ort besprechen möchten. Die Zeit wird zeigen, ob Brett King recht behält. Seiner Meinung nach wird das Warten nicht allzu lange dauern.