Laut der Pflegestatistik 2015 des Statistischen Bundesamtes (erschienen im Januar 2017) waren im Dezember 2015 knapp 2,9 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Fast drei Viertel der Pflegebedürftigen wurden zu Hause versorgt. Davon wurden rund 1,4 Millionen allein durch Angehörige gepflegt. Weitere 0,7 Millionen Pflegebedürftige lebten ebenfalls in Privathaushalten. Bei ihnen erfolgte die Pflege jedoch zusammen mit oder vollständig durch ambulante Pflegedienste. Von den 2,9 Millionen Pflegebedürftigen wies ein Drittel auch eine erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz auf. Und bei weiteren 0,2 Millionen Personen lag keine Pflegebedürftigkeit beziehungsweise Pflegestufe nach den Definitionen des Pflegeversicherungsgesetzes vor, aber es war bei ihnen eine erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz festgestellt worden. Der Wunsch vieler älterer Menschen in der bisherigen Wohnung und der gewohnten Umgebung leben zu können, kann durch die Malteser Care – App, die zusammen mit der R+V Versicherung AG entwickelt wurde, zu einem höheren Sicherheitsempfinden der Betroffenen und Angehörigen führen. Wie die App funktioniert, beschreibt dieser Artikel.

Die Bausteine

Das Programm besteht aus vier Bausteinen:

  • Erfassung der Zustände durch Sensoren in der Wohnung des Betroffenen
  • Erkennung von Auffälligkeiten bzw. Notfällen
  • Aktivierung des persönlichen Netzwerks
  • Durchführung eines Hausnotrufs oder eines Hilfseinsatzes

Im ersten Baustein werden in der Wohnung des Betroffenen durch verschiedene Sensoren, wie z. B. Funksender, Tür- und Fenstersensoren, Multisensoren (zu Bewegung, Helligkeit und Temperatur), Rauchmelder, Bettbelegungssensor, Wassermelder und Signalverstärker verschiedene Ist-Zustände erfasst.

Im zweiten Baustein werden mit Hilfe des IBM Watson Algorithmus über mehrere Wochen Normalzustände erlernt. Liefern später die verschiedenen Sensoren Werte innerhalb dieses Normalzustandes wird der Status „Alles in Ordnung“ gemeldet. Gibt es jedoch Abweichungen vom Normalzustand in einem gewissen Rahmen werden diese als „Auffälligkeiten“ gewertet. Die Auffälligkeiten können zum Beispiel in einer langen Abwesenheit, einer langen Inaktivität, einer verzögerten Nahrungsaufnahme, einer lange geöffneten Tür oder evtl. im Verdacht auf einen Sturz bestehen. Große Abweichungen vom ermittelten Normalzustand werden hingegen als „Notfall“ interpretiert. Dieser kann zum Beispiel bei einem Verdacht auf Einbruch, bei Brand- bzw. Raucherkennung ober einem Wasserüberlauf bestehen.

Im dritten Baustein erfolgt eine Benachrichtigung von Angehörigen. Je nach festgestelltem Status bestehen unterschiedliche Handlungsbedarfe. Die Statusmeldung „Alles In Ordnung“ versteht sich als reine Information für die Angehörigen. Im Status „Es gibt Auffälligkeiten“ wird ein analoges Netzwerk aktiviert. Diesem steht eine Reaktionszeit von 60 Minuten zur Verfügung, um die Situation zu klären. Zur Unterstützung einer Klärung gibt es eine Chatfunktion zwischen bis zu drei Angehörigen. Diese können dann entweder den Vorfall quittieren oder manuell einen Notfall auslösen. Ohne eine Reaktion innerhalb von 60 Minuten wird der Status „Notfall“ erreicht und die Malteser werden informiert. Hierfür muss im Vorfeld ein Dienstleistungsvertrag mit den Maltesern geschlossen werden.

Wird im vierten Baustein ein Hausnotruf abgesetzt, was durch den Betroffenen selbst oder durch die oben beschriebene Reaktionskette erfolgen kann, wird der Sprachkontakt mit den Betroffenen hergestellt und eine Entscheidung für den Hilfseinsatz durch Malteser Bereitschaftsdienst, Vertrauensperson oder Rettungsdienst getroffen. Zudem wird die Türöffnung für Einsatzkräfte bei nicht lebensbedrohlichen Situationen koordiniert.

Erprobung des Systems – Erfahrungen

In einem Pilotprojekt mit Mitarbeitern der R+V Versicherung AG und deren Angehörigen wurde das entwickelte System getestet. Dabei sollte die Zuverlässigkeit der Lösung erprobt werden, Erkenntnisse für Produkte und Serviceleistungen gewonnen werden sowie soziale Arbeitgeberleistungen evaluiert werden. Hierzu wurden 25 Pilothaushalte ausgewählt, die über eine Dauer von zwölf Monaten begleitet wurden. In diesem Zeitraum evaluierten die Mitarbeiter die Systeme und konnten Ansätze für mögliche neue Produkte einbringen.

Im ersten Projektabschnitt – der Installation der verschiedenen Sensoren – waren die Tests hinsichtlich Qualität und Zeit unterschiedlich. Auftretende Probleme, wie z. B. fehlende Funkverbindungen, leere Sensorbatterien u.a. erforderten in vielen Terminen zahlreiche Technik-Tests, die gerade auch ältere Angehörige verunsicherten. Zudem musste sich die Koordination mit dem Malteser Hilfsdienst erst einspielen. Regelmäßige Feedbacks mit den Pilotfeld-Teilnehmern waren hierfür sehr hilfreich.

Nach dieser ausgiebigen Erprobung war im zweiten Projektabschnitt – dem Alltagstest – die Stimmung im Projekt mehrheitlich gut. Teilweise kam es jedoch auch im Bereich der Ergonomie zu Akzeptanzverlusten. Dies war z. B. der Fall bei versehentlich ausgelöstem Panikknopf oder nächtlichem Fehlalarm aufgrund des Auffälligkeits-Algorithmus nach der Anlernphase. Oder eben schlicht, weil die Bettbelegungssensor-Matte als zu unbequem und zu hart empfunden wurde. Mehrheitlich waren aber sowohl die Mitarbeiter als auch deren Angehörige mit Herzblut engagiert und wollten die Pilotphase gerne verlängern.

Von |2018-12-17T15:01:49+00:0017. Dezember 2018|App|0 Kommentare

Über den Autor:

Wibke Ziegler

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