GenoBarcamp: Unbegrenzter Grenznutzen von Social Media – Gastbeitrag von Lothar Lochmaier

Veröffentlicht von Franz Sebastian Welter / 14. November 2011 / , , , / 2 Kommentare

Gibt es so etwas wie eine Genossenschaftsbank 2.0? Manche kritische Zaungenossen werden jetzt einwenden, das mit dem Internet und den sozialen Netzwerken sei alles eine Modeerscheinung oder gar Teufelszeug. Nein, das ganz bestimmt nicht. Richtig und sinnvoll eingesetzt, können neue peer-to-peer-basierte Finanzmodelle im Netz dazu beitragen, das genossenschaftliche Geschäftsmodell von der Basis her wieder zu beleben. Und genau dazu gab es auf dem dritten Geno Barcamp, das dieses Mal in Münster stattfand, jede Menge frischer Ideen.

Gastbeitrag von Lothar Lochmaier

Seit Jahren höre ich das immer gleiche Argument: Das mit der finanziellen Netzdemokratie kann wirklich nicht funktionieren. Wenn man dem Volk zuviel Autonomie und Gestaltungsspielraum lässt, dann gibt es nur Ärger. Extremisten oder wenigstens der Pöbel von der Straße bemächtigen sich dann der Strukturen und reiten unser Banken- und Finanzsystem endgültig in Grund und Boden. Durch ständiges Wiederholen werden solche Argumente nicht glaubwürdiger.

Denn ist das derzeit existierende System wirklich so toll, dass es keiner Veränderungen bedarf, frage ich dann zurück. Am Beispiel der Bewegung Occupy Wall Street leitete ich meinen Vortrag „Der Kunde bewegt die Bank“ auf dem dritten Geno Barcamp in Münster ein. Anhand eines selbst erlebten Falles zeigte ich auf: Hier wächst zusammen, was zusammen gehört. Der Protest kommt aus der Mitte der Gesellschaft, er ist Ausdruck einer fundamentalen Vertrauenskrise, der die Eliten, aber auch Teile der Mittelschicht, immer noch mit einem lästigen Achselzucken begegnen.

Das sich mehr oder minder freiwillige Einfügen in den gesellschaftlichen Status Quo dürfte freilich so nicht mehr lang funktionieren, nach dem Motto: Selbst schuld, wer verliert. Die Vertrauensfrage wird so nicht gelöst, auch und gerade beim Finanzsystem. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, wo liegen die Alternativen? Wie kann man etwa das historische Prinzip der genossenschaftlichen Selbstverwaltung dazu nutzen, hier frischen Wind von unten, oder sagen wir, von der Mitte der Gesellschaft her, in unser Finanzwesen hinein zu pflanzen?

Auf dem Geno Barcamp gab es genau zu dieser Frage jede Menge spannender Diskussionen. Das Veranstaltungsformat ist dabei bewusst so offen konzipiert, dass es Raum für spontane Bewegung und Begegnung lässt. Will heißen, es gibt keine vorher bis ins Letzte ausgearbeitete Agenda, sondern jeder der TeilnehmerInnen kann einen eigenen Workshop mit einem Themenvorschlag generieren. Am schwarzen Brett entscheidet dann jeder Teilnehmer, wo er oder sie sich am besten einbringen kann. Das funktioniert bei einer entsprechend motivierten „Crowd“ hervorragend. Denn wer sich beruflich, wie im Falle der Geno Barcampisten (zur Beruhigung für alle Bankvorstände: Es fließt dort übrigens nicht Alkohol in Strömen, sondern nur die Ideen), „hauptamtlich“ mit Social Media in der Finanzbranche befasst, dem brennen ohnehin tausend Fragen und Themen auf den Fingernägeln.

So gab es eine ganze Reihe von spannenden Ideen, wie man neue Gestaltungsprinzipien aus dem Web 2.0 produktiv mit der Tradition einer am Puls der Realwirtschaft positierten Volksbank verbinden kann. Dass dies nötig ist, zeigt der Umstand, dass die Genobanken zwar viel besser als manch andere Bank auf dem großen Spielfeld aus der Finanzkrise rauskam, aber es dennoch zahlreiche strukturelle Defizite zu beklagen gibt. Im Klartext: Auch Volksbanken und Sparkassen sind vom massiven Vertrauensverlust der Anleger betroffen, weil auch sie es gelegentlich mit der Kundenorientierung nicht so genau nahmen und nehmen, indem sie diese sozusagen ein bisschen arg einseitig zu ihrer eigenen Gunst auslegen.

 Und genau deshalb sind wache, kluge, aber auch risikobereite Social Media Manager an der zugigen Front zwischen unten und oben in der Hierarchie notwendig, um sich allmählich in diesem Jahrzehnt dem Ideal einer Genossenschaftsbank 2.0 anzunähern. Crowdfunding, Social Lending, Social Finance und viele andere kreative Gestaltungsansätze lassen sich durchaus produktiv in das „Genogen“ einpflanzen, wenn man es denn wirklich will.

 Und es waren auf dem Barcamp sogar einige Bankvorstände von lokalen Volksbanken vertreten, was zeigt, dass es durchaus eine mentale Brücke zur Generationengerechtigkeit geben kann. Der Dialog muss offen, aber auch zukunftsgerichtet, konsequent und lösungsorientiert weiter geführt werden, in- und außerhalb des verzweigten und manchesmal schwer nach vorne zu bewegenden genossenschaftlichen Organisationslabyrinths.

 Wie stelle ich mir eine moderne Genobank 2.0 vor, die mehr als einen modischen Aufguss einer längst aus der Zeit gekommenen Idee der finanziellen Basisdemokratie darstellt? Kurz: Mit Bankern zum Anfassen, egal ob virtuell oder real, ein Wesen, das beide Welten und Sprachen beherrscht. Dazu müssen erst einmal viele Fragen gestellt werden, statt mit billigen Patentrezepten um den Beifall der Masse zu buhlen. Zum Beispiel: Was haben Sie aus der Finanzkrise gelernt? Haben Sie Ihr Verhalten im Umgang mit dem Geld und den Banken geändert? Wie viele Kreditkarten benutzen Sie? Wie hoch sind Ihre Bankgebühren am Automaten? Es geht um die Innen- und Außendarstellung mit Bodenhaftung, keine subtilen Werbebotschaften, die den Kunden irgendwie dann am Ende doch aufs Kreuz legen wollen.

 Oder anders: Es geht darum, eine reale „Banking Community“ mit lebendigen Social Media Events zu verknüpfen. Kreative Spielmöglichkeiten gibt es viele, wenn man sich nicht mehr auf billige Ausreden beruft, wenn etwa ein junger Mensch vom vermeintlich so platten Dorf anfragt und ein „Crowdfunding-basiertes Subsystem im Zentralrechner der Lokalbank“ einrichten möchte. Das birgt doch enormes Potential, dem sich auf die Dauer niemand verschließen sollte. Ich kann mir jedenfalls ganz viele neue Spielarten von Social Media jenseits des platten Marketings und Vertriebskanals vorstellen …

Zum Beispiel dieses Szenario: Auf dem neuen interaktiven Fernsehkanal „Genobank 2.0“ führen Außenreporter mit einfachem Equipment lebendige Straßeninterviews zu bestimmten Themen durch, die unmittelbar mit Geld, Leistung, Erfolg, Glück, Nachhaltigkeit, Misserfolg und dessen Überwindung zu tun haben. Das Design: Eine langfristig vernetzte Kampagne mit unterschiedlichen Kommunikationskanälen kreieren, die ohne künstliche und hippe „soziale Überblendungen“ auskommt.   

Genobank 2.0 versus 1.0: Muss das ein unvereinbarer Gegensatz sein?

Die Bank sind also wir, die Kunden, die Mitarbeiter, die ganze Gesellschaft, in der längst der Bandwurm drin ist, nicht nur in der Finanzbranche, die man viel zu einfach als die einzigen Sündenböcke abstempeln mag. Aber die Branche sitzt definitiv an den zentralen Schalthabeln, sie hat mehr Verantwortung als andere und muss sich wieder in der Mitte einer unternehmerischen Innovationskultur verorten. Dehalb sage ich: Wer „zwei“ Visionen hat, der sollte nicht gleich zum Arzt rennen. Ganz im Gegenteil: Dort sollten vielleicht manche landen, die sich selbst für ausgesprochen vital und gesund halten.

Nun zur „Preisfrage“, wie gelingt die Umsetzung von Social Media in der Finanzwelt, die dieser gegenüber bislang so vorsichtig und skeptisch gegenübersteht. Meine These: Es gibt tatsächlich einen unbegrenzten Grenznutzen von sozialen Medien. Wie „messbar“ also ist der Erfolg von Social Media? Dazu meine Tipps:

  • Keine Kaffeesatzleserei mit bunten Graphiken betreiben, um das Controlling zufrieden zu stellen
  • Stattdessen klar nachvollziehbare qualitative Maßstäbe definieren
  • Wie viel Kritik, wie viel positives Feed-back kommt herein? (Chancen-Risiko-Balance)
  • Schlüsselfaktoren der Beratungsqualität bestimmen (Kosten-Transparenz, Konditionen, Servicequalität, Interaktion)
  • Der Kunde trägt im Idealfall zu mehr Effizienz in der Anlageberatung und Geldtransaktion bei, indem er als informelles Korrektiv dazu motiviert, die Produkte bedarfsgerecht auszurichten

 Klingt gut, oder? Ich weiß, mit dem bedarfsgerecht will man es nicht so genau nehmen. Gelingt es aber, den zunehmenden Grenznutzen bei Social Media mit Hilfe von neuen Kommunikationsinstrumenten in der Unternehmenskultur neu zu verankern, dann könnte daraus tatsächlich zur Abwechslung mal eine „win-win-Situation“ entstehen. Und ich brauche dann in Form meines alter egos, Dr. Spar, keine bösen Abschiedsbriefe an meine Hausbank mehr zu schreiben. Dann überlege ich mir sogar, ob ich doch ein bisschen sesshaft werde, also dem finanziellen Nomadenleben doch nicht wenigstens ab und zu ein bisschen abschwöre.

Also, fassen wir es mit den Worten der Barcampisten mal so zusammen: Social Media ist ein Kommunikationsinstrument und eine systematische Methode, um den Kunden produktiv und partizipativ in die Geschäftsphilosophie einzubinden.Dazu brauchen wir aber Menschen, die ungerade Lebensläufe jenseits von window dressing einbringen, zum Beispiel nicht nur Controller und Zahlenschleifer, sondern Leute mit dem Blick über den Tellerrand hinaus, die eine solide Kenntnis von wirtschafts- und sozialpolitischen Implikationen des Bankgeschäfts mitbringen. Sprich, keine fertigen Antworten und vorgestanzten Produktlösungen, sondern das Bestreben hinter die Kulisse zu blicken und daraus produktive Schlüsse zu ziehen.              

Was braucht ein Social Media Manager sonst noch an persönlichen Voraussetzungen: Erstens: Eine Hohe Affinität zur zwischenmenschlichen Kommunikation ohne Hierarchiegefälle. Zweitens: Besondere Fähigkeiten, spielerisch elegant und gleichzeitig glaubwürdig mit Kritik zu jonglieren (alternativ hilft auch britischer sense of humour). Drittens: Ein ausgewogener Teammix, was Geschlecht, Alter und Nationalitäten angeht. Natürlich auch ein schnelles Reaktionsvermögen auf neue Trends, aber mit Umsicht, nicht jeder Schnellschuss sitzt. Und last but not least: Eine überdurchschnittliche emotionale Intelligenz bzw. Empathie, durchaus nicht immer nur für sich selbst, sondern für das größere Ganze.

 Bleibt am Ende statt eines klugen Spruches noch die bohrende Frage: Wie stellen Sie sich denn eine Genossenschaftsbank 2.0 zum Anfassen vor?

Zum Autor: Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Energiefragen, Informationstechnologie und die Finanzbranche. Im Mai 2010 erschien im Heise Verlag sein Buch: Die Bank sind wir – Chancen und Perspektiven von Social Banking. http://www.dpunkt.de/buecher/3270.html Er betreibt außerdem das Experten-Weblog Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie. http://lochmaier.wordpress.com/, laut Süddeutscher Zeitung eine der lesenswerten Adressen unter den deutschen Finanz- und Wirtschaftsblogs. Über Twitter kann man regelmäßig seinen Gedanken zur Bankeninnovation folgen: http://twitter.com/#!/LotharLochmaier. Referenzen: http://lochmaier.wordpress.com/vortrage/

 

Kommentare

2 Kommentare

  • 14. November 2011 bei 15:19

    Toller Beitrag! Wäre doch schön, wenn der alte Geno-Gedanke wieder deutlicher spürbar wird und die Occupy-Bewegung auch nicht als „moderne Bedrohung“ sondern als Gespächsangebot wahrgenommen wird…

Nachricht hinterlassen

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.