crowdinvesting: Unternehmensbeteiligung via crowdfunding

Veröffentlicht von Thomas Hochfeld / 21. Dezember 2011 / , / 4 Kommentare

Auf die unzähligen Möglichkeiten von crowdsourcing/-funding bin ich bei den Recherchen zu meinem ersten Beitrag zum gleichnamigen Thema aufmerksam geworden. Die Möglichkeit der Finanzierung von Unternehmen durch die crowd hatte ich seinerzeits in diesem Beitrag nicht aufgegriffen. Schon aus meiner beruflichen Praxis als Bilanzanalystin heraus, wollte ich diesen Teil des crowdfundings nicht nur nebenbei erwähnen, sondern in einem separaten Blog-Beitrag beschreiben. Als Anfang Dezember im Blog von seedmactch.de die Meldung über eine erfolgreiche Finanzierung der Firma smarchive in der Rekordzeit von nur zweieinhalb Tagen (!) zu lesen war, nahm ich das zum Anlass, mich wieder intensiver mit dem Thema zu beschäftigen…

Crowdinvesting funktioniert im Prinzip nach den gleichen Regeln wie beim crowdfunding. Kapitalsuchende Startups stellen ihr Projekt auf einer Plattform vor und private Investoren können sich „ihr“ Projekt aussuchen, an dem sie sich beteiligen möchten. Die Beschreibung der Funktionsweise hat die Plattform seedmatch.de sehr schön in dem folgenden Clip beschrieben:

Mit seedmatch.de entstand im Sommer diesen Jahres auch die erste deutsche crowdfunding-Plattform, die Beteiligungen an Startups im Internet anbietet. Sie startete mit den beiden Finanzierungsprojekten Cosmopol und NeuroNation. In der vorgegebenen regulären Fundinglaufzeit von  60 Tagen konnten die Finanzierungen jedoch zuerst nicht erfolgreich abgeschlossen werden. Eine einmalige Verlängerung von nur 30 Tagen für die beiden Projekte wurde eingeräumt. Nach dieser Frist konnte am 31.10.2011 dann aber von zwei erfolgreichen Finanzierungen berichtet werden. Davon beflügelt war das folgende Projekt der Firma Bluepatent bereis nach 24 Tagen und das vierte der Firma smarchive, wie eingangs erwähnt, nach nur zweieinhalb Tagen realisiert. Kurz nach den ersten beiden erfolgreichen Finanzierungen auf seedmatch.de startete mit innovestment.de eine weitere deutsche Plattform. Sicherlich positiv beeinflusst von den beiden ersten Erfolgsmeldungen auf seedmatch.de konnten sich die im November gestarteten drei Projekte der Firmen Audiogent, Particular GmbH und Ludufactur zwischen fünf und zwölf Tagen einer erfolgreichen Finanzierung sicher sein. Ein weiteres neues Projekt (Fine Cotton) ist ab dem 23.12.2011 geplant. In der Schweiz sind die beiden Plattformen investiere.ch, die ihr erstes erfolgreiches Startup bereits im April letzten Jahres vorweisen konnte und inzwischen acht Finanzierungen (darunter auch eine eigene) realisiert hat, sowie die Plattform c-crowd.com zu nennen. Letztere war im Oktober diesen Jahres mit ihrer ersten Finanzierung der Firma SuitArt AG erfolgreich und hat derzeit mit der Firma BIODRINKS AG noch ein Projekt offen (zudem zahlreiche charity-Projekte).

Der wesentliche Unterschied zwischen den deutschen und den schweizer Plattformen besteht im rechtlichen Umfeld, das für Unternehmensbeteiligungen gilt. In der Schweiz erfolgt eine Aktienkapitalerhöhung und Zeichnung von Aktien, in Deutschland erwerben die Investoren stille Beteiligungen. Letztere stellen einen schuldrechtlichen Vertrag dar und ermöglichen so in Deutschland eine recht einfache Vertragsabwicklung der Investments über die Plattformen; ein Vertrag vor einem Notar ist somit nicht notwendig. Der stille Gesellschafter partizipiert anteilig der Beteiligungsquote am jährlichen Gewinn aber auch am Verlust. Ein möglicher Verlust ist aber auf die Höhe der Kapitaleinlage begrenzt. Eine Nachschusspflicht besteht bei den beiden deutschen Plattformen nicht.  Für die Startups bedeutet diese Beteiligungsform, dass die möglichen Investitionssummen für potenzielle Investoren vergleichsweise sehr gering (ab 250 € bei seedmatch.de und ab 1.000 € bei innovestment.de) gehalten werden können und sich so die Chance auf zahlreiche interessierte Investoren deutlich erhöht. Außerdem erhalten die Investoren keine direkten Mitspracherechte, sondern haben nur Informations- und Kontrollrechte.

Ganz spannend fand ich auch die Frage nach dem angemessenen Preis für eine solche stille Beteiligung. Kann man doch bei Startups nicht auf eine Historie zurückblicken, anhand deren Analyse man Rückschlüsse ziehen könnte. Die Bewertungsfrage wird bei seedmatch.de nicht eindeutig beschrieben. Es wird zwar eine „bodenständige, realistische und faire Bewertung“ versprochen, wie diese aber genau erfolgt, ist nicht ersichtlich. Bei innovestment.de ist die Bewertung in einem Auktionsmechanismus eingebunden, der in drei Phasen beschrieben wird. In der ersten Phase kann auf den festgelegten Startpreis pro Anteil (z.B. 1.000 €) geboten werden bis alle Anteile eingegangen sind und somit der minimale Kapitalbedarf (= erfolgreiche Finanzierung) erreicht ist. Die Gebote werden der Höhe nach und zeitlich geordnet. In der zweiten Phase würden weitere Bieter mit dem Startpreis nicht mehr erfolgreich sein und müssen somit höher bieten, um sich in der Rangfolge nach oben zu schieben. So verdrängen neu abgegebene, höhere Gebote kontinuierlich die niedrigeren Gebote. Sobald nun das Gebot auf dem letzten Platz (z.B. 1.200 €) den festgelegten Startpreis überschritten hat, steigt der aktuelle Anteilspreis auf diesen Betrag. Das Startup würde somit für die gleiche Anzahl von Anteilen mehr Kapital erhalten. Das setzt sich so lange weiter fort, bis der maximale Kapitalbedarf erreicht ist. Ist die Auktionsdauer noch nicht abgelaufen und gehen weitere (höhere) Gebote ein (Phase drei), müssen weniger Anteile ausgegeben werden, um den Maximalkapitalbedarf zu erreichen. Die erfolgreichen Bieter zahlen am Ende alle gleich viel pro Anteil an einer stillen Beteiligung. Somit treffen in der Auktion die Prognosen/Erwartungen von vielen Investoren zusammen und bilden einen für beide Seiten fairen Marktpreis ab.

Zusammenfassend bietet das crowdinvesting für Startups zahlreiche Vorteile, wie eine geringe Investitionssumme, das schuldrechtliche Vertragsverhältnis, das keine Mitspracherechte der Investoren zur Folge hat und das den administrativen Aufwand begrenzt, sowie eine große geografische Reichweite der möglichen Investoren. Nicht zu verachten sind außerdem die Multiplikatorenrolle der Investoren, die zu mehr Aufmerksamkeit für das Investitionsprojekt führt, und am langfristigen Erfolg des Unternehmens interessierte Investoren. Gleichwohl ist crowdinvesting nicht für alle Unternehmen geeignet. Diese sollten ein deutliches Alleinstellungsmerkmal (unique selling proposition = USP) vorweisen können sowie Produkte anbieten, die von einer Unterstützung der crowd profitieren. Startups, die sich für einen offenen Dialog mit vielen Multiplikatoren begeistern können und es schätzen, wenn Investoren Know-how und Kontaktnetzwerke einbringen, haben neben dem crowdinvesting den crowdsourcing-Aspekt gleich inclusive. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die für das crowdinvesting in Deutschland geringe Chancen sehen, da sie das Anlegerverhalten von Privatpersonen in Deutschland deutlich risikoaverser als z. B. in den USA einstufen. Zudem sehen sie einen finanziellen Profit nur bei einem Verkauf der Anteile, da bei den weinigsten Startups in den ersten Jahren Gewinnausschüttungen sinnvoll sein dürften (Folgeinvestitionen).  Zudem wird kritisch auf die Gefahr hingewiesen, dass sich beim crowdinvesting nur solche Unternehmen finanzieren, deren anderweitige Finanzierungsmöglichkeiten erschöpft sind und die keine nachhaltigen Erfolgsaussichten haben.

Wie ist Ihre Einschätzung? Überwiegen für Sie eher die Vorteile oder eher die kritischen Stimmen? Wir freuen uns über Ihr Feedback.

Kommentare

4 Kommentare

  • 16. Februar 2012 bei 10:29

    Hallo!
    Crowd investing stellt in der Tat eine neue interessante Alternative der Statup-Finanzierung dar. In unserem Crowd funding-Monitor haben wir auch die Crowd investing Projekte des Jahres 2011 zusammengefasst.

    Im Vergleich zu Crowd funding stellt Crowd investing eine Möglichkeit zur Mittelaufnahme für kapitalintensive Start-ups da. Die Geldgeber erwerben dabei Unternehmensanteile, die einen Anspruch auf einen Anteil am Unternehmensgewinn ermöglichen oder zu einem späteren Zeitpunkt weiterverkauft werden können. Zu den Crowd investing-Plattformen zählen in Deutschland Innovestment, Mashup Finance und Seedmatch. Seedmatch und Innovestment haben in den letzten 5 Monaten 2011 sechs Finanzierungen erfolgreich durchführen können. Dabei kamen 519.250 € zusammen, wobei zumeist die Maximalsumme
    von 100.000 € pro Start-up erreicht wurde.

    Für 2012 sehen wir hier eine weitere positive Entwicklung und halten einen Betrag von 4 bis 5 Mio. € durch diese innovative Start-up-Finanzierung für möglich.

    Den vollständigen Crowd funding-Monitor finden Sie unter http://www.fuer-gruender.de/kapital/eigenkapital/crowd-funding/monitor/

    Beste Grüße

    René Klein

  • 21. März 2012 bei 10:51

    Auch unsere Firma sieht enorme Vorteile in dem Crowd Investing Instrument, und wir stellen fest das im Grossen und Ganzen eine recht positive Resonanz auf unser Vorhaben der Beteiligungsfinanzierung stattgefunden hat.
    Mehr Informationen findet man auf http://www.voiceadsltd.com

    MfG, Klaus Kramer
    CEO Voice Ads Ltd

  • 9. Oktober 2012 bei 9:28

    Hoch interessant, dass eine „etablierte“ Bank sich so intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt! Wir haben in unserer Gründungsphase häufig eher andere Erfahrungen gemacht.

    Mit bankless24.de tragen wir Crowdinvesting in den Mittelstand. Ende des Monats wird unsere Plattform live gehen und wir werden der Crowd erste Genussrechte von mittelständischen Unternehmen anbieten.

    Mehr Infos auf http://www.bankless24.de

    Beste Grüße

    Dirk Littig

  • 10. November 2012 bei 14:01

    Ich war erstaunt, wie Bekannte von mir per Crowdfunding 100.000 € an Kapital eingenommen haben. 10% davon gingen an die durchführende Plattform.

    Ich frage mich, was das Interesse der Investoren sein kann, nicht einmal 1% eines Unternehmens zu besitzen? Glaubt man, dass das Unternehmen die Anteile irgendwann wieder aufkauft? Sicherlich könnte man dann 2-400% Gewinn machen.

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