Filialbanking – quo vadis?

Veröffentlicht von Meike Boj / 19. April 2012 / , , / 5 Kommentare

Wird die Bankfiliale überleben?
Nein, zumindest nicht laut Zukunftsvisionär Brett King.

King, Bestseller-Autor von Bank 2.0 und Gründer von Movenbank, glaubt dass Finanzinstitute, die weiterhin in diesen maroden Kanal investieren, Zeit, Energie, Ressourcen und Geld verschwenden. In seinem neusten Werk “Branch Today, Gone Tomorrow“, legt Brett King seine unerschütterliche Überzeugung dar, dass der endgültige Tod aller Bankfilialen bald eintreten wird… wenn er nicht schon längst begonnen hat.“Viele Banken versuchen mit erheblichen Anstrengungen, an der Bankfiliale festzuhalten „, schreibt King.“Je mehr wir darüber streiten, ob die Filiale als Herzstück des Kundenkontaktes erhalten bleiben soll oder nicht, desto weniger denken wir darüber nach, wie wir in Zukunft weiterhin erfolgreich mit unseren Kunden zusammenarbeiten können.“

Als zentrales Argument führt King in seinem Buch das Festhalten an alten Strukturen und den damit verbundene Niedergang auf. Er ist der festen Überzeugung, dass die Bankenbranche ein ähnliches Schicksal ereilen wird wie die Telekommunikationsbranche, in der einst alles-beherrschende Konzerne durch neue Player mit neuen Technologien ersetzt wurden.

Traditionelle Unternehmen werden nicht durch ihre Größe, ihr langjähriges Bestehen, ihre Tradition oder ihre bisherigen Strukturen geschützt, wenn neue Technologien den eigenen Markt revolutionieren. King führt hier als Beispiel den kometenhaften Aufstieg des Internet-Banking an. Er sieht das explosive Wachstum der Online-Banken wie ING Diba und Ally als Omen für den  bevorstehenden Kanalwechsel. Insofern könnte „Branch Today, Gone Tomorrow“ als eine prophetische Warnung an den weltweiten Bankensektor gedeutet werden, mit der Hauptbotschaft sich weiterzuentwickeln oder zu sterben.

Als Beleg für die digitale Zukunft erinnert uns King an den enormen technischen Wandel, den das Internet in der Gesellschaft, bei Buchhandlungen, Videotheken, Musikläden erzwungen hat. Und mal ehrlich: Wer kauft heute noch dicke und schwere Enzyklopädien? Niemand! Online und mobil, das ist die Zukunft, auch für Banking.

Seine Vision der digitalen Zukunft ist eine Welt, die von mobilen Finanzdienstleistungs- Apps dominiert wird. Gestützt wird seine These durch die Erfahrungen einiger großer US-Banken: Kunden nehmen das Mobile Banking 300 bis 500 mal schneller an, als das Internet Banking zuvor. Laut King sollte Steve Jobs hierbei alle Ehre gebühren, denn er war es, der durch seine visionären Führung und Produktentwicklung den Grundstein des Ganzen in der Gesellschaft tief verankert hat. Brett King geht sogar so weit zu behaupten, dass der Abschied des Filialbankings, der Schecks, der Karten und des Bargelds allein auf den Technologiesprung durch das iPhone zurückzuführen sind.

Fragt man King danach, wann das alles geschehen wird, antwortet er mit „bald“.“Meine Kinder werden, wenn sie einmal Studenten oder Arbeitnehmer sind, wahrscheinlich nie persönlich eine Bankfiliale besuchen müssen, um ihre Anliegen zu regeln.“

Es stimmt, die Kinder von Brett King werden wohl nie eine Filiale besuchen müssen. Was aber, wenn sie es wollten? Meiner Meinung nach geht Brett King mit seiner Vision sehr angriffslustig an das Thema Filialbanking von morgen heran, allerdings mit nachvollziehbaren Beispielen und Belegen. „Branch Today, Gone Tomorrow“, daran glaube ich persönlich nicht. King provoziert gerne mit seinen Büchern und stößt dadurch den wichtigen Prozess des Umdenkens in der Bankbranche an. Die Trends, die er in seinem Werk verarbeitet, stammen hauptsächlich aus den USA. Doch wie sieht es in Europa aus? Eine kürzlich veröffentlichte Studie der British Telecom Group in Zusammenarbeit mit Avaya ergab, dass 62 Prozent der deutschen Kunden auch künftig die örtliche Filiale als die wichtigste Anlaufstelle sehen – trotz steigender Beliebtheit von Telefon-, Online- und Mobile-Banking. Allerdings sind Kunden auch offen für neue Wege der Interaktion. Die befragten deutschen Kunden würden gerne häufiger Web-Chat (16 Prozent), Video-Chat (11 Prozent) sowie „Co-Browsing“ (16 Prozent) einsetzen. Mobile Banking gewinnt in allen untersuchten Ländern an Popularität: Fast ein Viertel (24 Prozent) der Befragten hat bereits ein entsprechendes Angebot ausprobiert (in Deutschland: 21 Prozent), und etwa ein Drittel (34 Prozent) möchte von der Möglichkeit Gebrauch machen, mobil zu bezahlen (in Deutschland: 24 Prozent). 41 Prozent der Befragten (in Deutschland: 34 Prozent) wünschen sich in den Bankfilialen einen freien WLAN-Zugang, offenbar ein Zeichen dafür, dass sie verschiedene Kommunikationskanäle parallel nutzen möchten.

Wahrscheinlich wird es immer einen Teil in der Bevölkerung geben, die ihre finanziellen Angelegenheiten lieber persönlich mit ihrem Berater vor Ort besprechen möchten. Die Zeit wird zeigen, ob Brett King recht behält. Seiner Meinung nach wird das Warten nicht allzu lange dauern.

Kommentare

5 Kommentare

  • Martin Greff
    19. April 2012 bei 13:28

    Liebe Frau Boj,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag. Im Prinzip gebe ich Ihnen recht, daß die Filiale – in welcher Form auch immer – ihre Daseinsberechtigung – behalten wird. Allerdings denke ich auch, dass zukünftig fast das komplette Management des persönlichen Zahlungsverkehrs und auch mehr Produktabschlüsse auf digitalem Wege erfolgen werden. Interessant finde ich den Ansatz des PFM bei dem man ja sehr geschickt die Online-Welt mit der Filialwelt verknüpfen kann.

    Viele Grüße

    Martin Greff

  • fsw
    fsw
    19. April 2012 bei 16:01

    HI Martin,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Du schreibst “ Interessant finde ich den Ansatz des PFM bei dem man ja sehr geschickt die Online-Welt mit der Filialwelt verknüpfen kann“. Das finde ich auch 🙂 Falls ein interessierter Leser dieses Blogs noch ein paar Infos dazu haben möchte, lohnt sich evtl. ein Blick auf diesen Artikel:

    http://blog.volksbank-buehl.de/2011/05/13/brainstorming-personal-finance-management-im-online-banking-von-genossenschaftsbanken/

    Viele Grüße
    Franz

  • Nur mal so
    20. April 2012 bei 0:32

    Habe das mittlerweile schon zu oft gelesen – Der Tod der Filiale usw.

    Aber Totgesagte leben bekanntlich länger. Und daher finde ich der Königsweg für eine Bank ist: „Auf beiden Ebenen gut aufgestellt zu sein“. D. h. sowohl klassich vor Ort als auch immer aktiv und innovativ im Internet.

    Man sollte immer bedenken, dass ein großer Teil der Generation > 45 bisher nur spärlich Facebook oder ähnliche Plattformen RICHTIG nutzt und das wird oft von uns Internetjunkies vernachlässigt undfalsch eingeschätzt.

    Ich spreche aus Erfahrung (Jahrgang 1965), ich hatte mal versucht ein Treffen mit den bei Facebook angemeldeten Jahrgangsgenossen zu organisiersen – Der Erfolg war sehr, sehr bescheiden. Im Endeffekt gings doch wieder übers Telefon.

    Im Beitrag ist auch die Aussage – Zitat des Autors: ….. Und mal ehrlich: Wer kauft heute noch dicke und schwere Enzyklopädien? Niemand! Online und mobil, das ist die Zukunft, auch für Banking

    Ich selbst lese auch gerne, allerdings noch klassisch, nutze weder einen Kindle oder sonstige ebooks, ich gehe nach wie vor gerne in ein schönes Buchgeschäft und schätze es wenn ich die kompetenden Angestellten meiner Wahl auch mal um einen guten Tipp fragen kann – zusätzlich zu den unzähligen Amazon Rezessionen die ich vorher gelesen habe.

    Den Buchladen vor ort nutze ich natürlich nicht um eine, dicke, schwere Enzyklopädie zu kaufen, da gebe ich dem Autor recht, diese Zeit ist vorbei.

  • 22. April 2012 bei 11:47

    Ich frage mich, ob es immer eine „klassische“ Filiale sein muss, wenn es um einen persönlichen Kontakt geht. Die klassischen Bankprodukte können heutzutage bereits online bedient werden. Für kleinere Rückfragen reichen (mir) Online und Telefon.

    Doch für eine Beratung im persönlichen Kontakt ist es mit egal, ob sie in einer Filiale, einem Büro der Bank oder bei mir zu Hause stattfindet. Wenn es um nichts sehr Persönliches geht, und ein Café eine persönliche Atmosphäre bietet: Warum nicht auch dort?

    Das ist sicherlich von Kunde zu Kunde unterschiedlich. Aber ich glaube, dass ein flexibles persönliches Kontaktportfolio sowohl Banken und Kunden Potentiale bietet. Zu Hause beispielsweise fühle ich mich wohl, kann gemütlich mit meinem Bankkontakt in aller Ruhe alles besprechen. Die Bank muss keine teure Immobilie vorhalten. Meine Eltern (80) bekommen Besuch von der Kundenbetreuerin ihrer Volksbank.

    Darin sehe ich die Chance gerade für lokale Banken oder Spezialbanken: Eine persönliches Angebot in der Betreuung für ihre Kunden aufzubauen und sich dadurch von den Großbanken zu differenzieren.

    Wie seht Ihr das?

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