P2P Kredite von Fabian Blaesi – Book Review

Veröffentlicht von Thomas Hochfeld / 27. April 2012 / , , , / 0 Kommentare

Im März lag es einfach in der Post der Volksbank Bühl:
das Buch P2P Kredite, Marktplätze für Privatkredite im Internet von Fabian Blaesi aus der Schweiz. Unser Dank gilt dem unbekannten Übermittler! Da ich zu diesem Zeitpunkt gerade einen Artikel in der BankInformation über P2P Kredite geschrieben hatte, weckte der auf dem Buchrücken beschriebene Inhalt, der eine Analyse der Funktionsweise solcher Kreditmarktplätze, einen umfassenden Marktüberblick und eine Untersuchung der Erfolgsmerkmale versprach, sehr schnell mein Interesse. Der Inhalt versprach Peer-to-Peer-Kredite – kurz P2P-Kredite, person-to-person-lending oder social-lending – bezeichnen das „soziale Verleihen“, also eine Kreditvergabe von Mensch zu Mensch, die über das Internet erfolgt.

Am Anfang des Buches geht der Autor kurz auf die Entstehung und den geschichtlichen Hintergrund ein und ordnet das Prinzip des Social Lendings den Ideen von Friendly Societies zu, die bereits im 17. Jahrhundert in England bestanden. Die Idee dieser Vereinigungen war eine Art Versicherung auf Gegenseitigkeit, welche insbesondere Bestattungen finanzierte und bei Arbeitsunfähigkeit eine Rente ausbezahlte.

Im Anschluss beschreibt Fabian Blaesi das grundsätzliche Prinzip von unterschiedlich ausgerichteten Plattformen. Für Kreditnehmer und -geber ist eine Registrierung verpflichtend. Zur Validierung dieser Angaben erfolgt eine Identitätsprüfung mittels der „Gelben Identifikation“ der schweizerischen Post (in Deutschland ist es das „POSTIDENT“-Verfahren). Des weiteren muss ein Kreditnehmer einen Ratenkreditvertrag, die Geschäftsbedingungen der Plattform und eine datenschutzrechtliche Einwilligung unterzeichnen. Die Einreichung verschiedener Dokumente (z. B. Lohnnachweise) sollen Aufschluss über die finanzielle Situation des Antragstellers geben. Hier betont der Autor, dass die gemachten Aussagen, wie z. B. zu den Lebenshaltungskosten, nicht überprüft werden, wodurch eine Manipulationsmöglichkeit der Kreditfähigkeit besteht. Nach Prüfung dieser Unterlagen durch die Plattform kann der eigentliche Antrag erstellt und über die Höhe sowie Rückzahlungsdauer (je nach Plattform und Nation unterschiedlich) entschieden werden. Auch der maximal zu bezahlende Zinssatz kann vom Kreditnehmer selbst bestimmt werden. Je tiefer dieser jedoch gewählt wird, desto tiefer sinken auch die Chancen auf eine Finanzierung. Für einen Kreditgeber beschränkt sich das Verfahren auf die Identifikation und die Unterzeichnung eines Rahmenkaufvertrags von Kreditforderungen sowie den Geschäftsbedingungen der Plattform. Nach erfolgreicher Finanzierung eines Kreditwunsches durch i.d.R. mehrere Kreditgeber werden die vom Schuldner zu leistenden Zins- und Tilgungszahlungen von der Plattform anteilsmäßig an die Kreditgeber verteilt. Bei verspäteten Zahlungen des Schuldners generiert das System automatisch eine erste Zahlungserinnerung und gegebenenfalls eine Mahnung. Außerdem werden verspätete Zahlungen in der Kredithistorie des Schuldners aufgeführt. Tilgt der Säumige weiterhin nicht seine Schuld, werden die Forderungen an Inkassounternehmen verkauft.

Bevor der Autor im Folgenden auf einzelne Plattformen in verschiedenen Ländern eingeht, erläutert er Marktvolumen und -potential in der Schweiz. Dabei unterscheidet er beim gesamten Forderungsbestand aller in der Schweiz ansässigen Banken zwischen Hypothekenkredite, besicherte Kredite, Kontokorrentkredite und Konsumkredite. Aufgrund der von den Plattformen beschränkten maximalen Kredithöhe werden bei den Konsumkrediten nur solche mit einer Kredithöhe von bis zu 30.000 CHF als Vergleichsmaßstab für das Potenzial der Social Lending Plattformen heran gezogen, die im Jahr 2008 4,821 Mrd. Franken betrugen. Dem gegenüber standen in 2008 vermittelte Darlehen von nur 200.000 CHF.

Im Weiteren stellt der Autor einige Anbieter aus der Schweiz (Cashare), Deutschland (Smava), Großbritanien (Zopa) und den USA (Virginmoney und Prosper) vor und zeigt Unterschiede zwischen den einzelnen Plattformen sowie Besonderheiten auf. Beim schweizer Anbieter Cashare ist für den Kreditnehmer eine Todesfallversicherung obligatorisch. Zusätzlich können Versicherungen auf Arbeitslosigkeit und -unfähigkeit abgeschlossen werden. Nach einer erfolgreichen Auktion bleibt der Plattformbetreiber rechtlich wie auch vom Geldfluss her unbeteiligt. Die C&S Credit Management AG sorgt dabei um den Transfer der Kreditsumme zum Schuldner wie auch um das Inkasso der Rückzahlungen und deren Rückvergütung an die verschiedenen Darlehensgeber. Die mit 0,75 % p.a. der vergebenen Darlehenssumme veranschlagten Gebühren für Kreditnehmer und Kreditgeber senkt die Attraktivität für Investoren und stärkt somit den bereits bestehenden Mangel an Geldgebern. Der Autor beschreibt den Communitybereich von Cashare als noch stark unterentwickelt, da er keine Möglichkeiten bietet, Nachrichten exklusiv an einen bestimmten User zu senden. Als weiterer Kritikpunkt werden die fehlenden Informationen bezüglich der zu erwartenden Renditen und Ausfallraten der jeweiligen Bonitätsklassen genannt. Für den deutschen Markt hat der Autor den Marktführer Smava näher betrachtet. Smava vermittelt potenzielle Schuldner und Investoren als Gesamtpaket an ihre Partnerbank, der Bank für Investments und Wertpapiere AG (seit Januar 2012 durch die Fidor Bank AG). Rechtlich betrachtet entsteht keine direkte Verbindung zwischen Kreditgebern und -nehmern. Das Risiko tragen alleine die Käufer der Forderungsanteile. Als Besonderheit von Smava wird das Konzept zum Ausgleich von Kreditausfällen durch einen Anleger-Pool genannt. Jeder Investition wird vom Geldrückfluss ein, von der Bonitätsklasse abhängiger, Prozentsatz als Risikozuschlag abgezogen, welcher in diesen Anleger-Pool fließt. Durch dieses System wird verhindert, dass einzelne Kreditgeber einen Totalverlust erleiden, dafür büßen jedoch durch die solidarische Haftung auch Anleger, die nur in gute Kreditgesuche investiert haben. Außerdem werden das Nachrichtensystem, die Gruppenbildungsfunktion und das umfangreiche Zahlenmaterial positiv erwähnt. Letzteres bietet zahlreiche Informationen zu durchschnittlichen Zinssätzen, Risikozuschlägen, Anzahl der Ausfälle, zu erwartenden Renditen, jeweils aufgeschlüsselt nach Bonitätsklasse und entsprechender Periode. Der Unterschied und somit die Besonderheit der Plattform Zopa aus Großbritanien liegt im Gegensatz zu Cashare und Smava darin, dass Investitionen automatisch über verschiedene Kreditnehmer verteilt werden, ohne dass ein Anleger die Kreditgesuche einzeln prüfen kann. Diese automatische Diversifikation bildet den einzigen Mechanismus zur Reduzierung des Kreditrisikos. Seit Ende Oktober 2007 bietet Zopa jedoch mit den sogenannten Listings eine Kreditvermittlung an, welche sich an den Modellen von Smava und Prosper orientieren, aber kein Mechanismus zum Schutz des eingesetzten Kapitals vorsehen. Somit verliert die automatische Diversifikation ihre Funktionalität. Die involvierte Royal Bank of Scotland wird lediglich für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs benötigt. Kreditnehmer stehen in juristischer Schuld gegenüber dem Anleger. In den USA werden auf der Plattform Virginmoney Darlehen unter sich bereits bekannten Personen, wie Verwandten oder Freunden, vermittelt. Prosper war das große Vorbild für Smava in Deutschland. Dementsprechend unterscheidet sich das Modell der beiden Plattformen nur gering voneinander. Der wesentliche Unterschied besteht im Anlegerschutz. Prosper setzt stärker auf die Integration in die Community und deren positive Auswirkung auf die Rückzahlungsmoral. Es wurde festgestellt, dass Rückzahlungsausfälle bei Kreditnehmern seltener sind, wenn diese einer Gruppe angehören. Gruppenleiter erhalten bei Prosper eine finanzielle Entschädigung, die von der Rückzahlungsquote der Mitglieder abhängig ist. Der Autor betont, dass aufgrund der Möglichkeit der Gruppenleiter, persönliche Daten von den Anwärtern fordern zu können, der Gruppendruck schnell an die Grenzen der Legalität gelangen kann. Die Eigenschaften der verschiedenen Plattformen sind im Buch jeweils kurz tabellarisch zusammen gefasst, was einen schnellen Überblick ermöglicht.

Die weiteren Kapitel des Buches behandeln sehr ausführlich die Themen Vertrauen, Unsicherheiten und Risiken sowie Mechanismen zur Milderung der Unsicherheiten. Vertrauen wird vom Autor als Basis einer jeden Kooperation beschrieben. Die Bedeutung von Vertrauen wird anschließend unter psychologischen, soziologischen und wirtschaftswissenschaftlichen Gesichtspunkten beleuchtet. Weiterhin geht der Autor auf die Unsicherheiten aus Sicht der Kreditnehmer und -geber ein. Seitens der Kreditnehmer bestehen Unsicherheiten aufgrund von Informationsasymmetrien, Sicherheitszweifeln, fehlender physischer Präsenz, rechtlicher Unsicherheit und fehlender Diskretion, auf Seiten der Kreditgeber gegenüber der Plattform, dem Kreditnehmer und gegenüber dem Markt. Sehr ausführlich beschreibt der Autor mögliche Mechanismen, um Unsicherheiten zu mildern. Er geht darauf ein, wie die Glaubwürdigkeit einer Webseite durch Design, Struktur und Aufbereitung gesteigert werden kann. Außerdem werden Sicherheitsaspekte wie Identifikation und Autorisation sowie Anonymität und Verfügbarkeit detailliert beschrieben. Verschiedene Reputationsmodelle (bekannte Beispiele: die Bewertungssysteme von Amazon oder ebay) werden erläutert und auf Übertragbarkeit und Eignung untersucht. Weitere Punkte zur Milderung von Unsicherheiten werden anhand von Garantien und Sanktionierung beschrieben und schließlich auf die Bedeutung von Informationen und deren Kommunikation eingegangen.

Abschließend überprüft Fabian Blaesi die gewonnenen Erkenntnisse anhand einer im Smava internen Forum publizierten Online-Umfrage, an der 45 Nutzer vollständig teilnahmen. Die durchschnittlich 36 Jahre jungen, überwiegend männlichen und gut gebildeten Teilnehmer verfügen über gute bis sehr gute Informatikkenntnisse, sind mit dem Dienstleistungsbezug über das Internet vertraut und schätzen sich als neugierig und risikobereit ein. Die Mehrheit scheint das Social Lending als eine Alternative zu klassischen Anlagen zu sehen. Die wesentlichen Unsicherheiten gegenüber der Plattform sehen die Teilnehmer in einem Konkurs der Plattform oder der Partnerbank. Gegenüber den Kreditnehmern werden die absichtliche Verheimlichung relevanter Informationen, die Angabe falscher finanzieller Informationen oder die Befürchtung, dass ein Kreditnehmer die Absicht haben könnte, den Kredit gar nicht zurückzahlen zu wollen, genannt. Um diese Unsicherheiten abzubauen, werden in der Umfrage verschiedene Mechanismen und deren eingeschätzte Wirksamkeit abgefragt. Die Studie endet in dem Ergebnis, dass die vorgeschlagenen Mechanismen – Sanktionierung, Kapitalschutz, Informationsreichtum, Reputation und Substitute für die physische Präsenz – das Vertrauen in die Kreditnehmer steigern können.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass die sehr ausführliche Darstellung der Themen Vertrauen, Unsicherheiten und Risiken sowie Mechanismen zur Milderung der Unsicherheiten meines Erachtens weniger Platz in Anspruch hätten nehmen können. Dafür hätten weitere detaillierte Informationen zu den einzelnen Plattformen aufgenommen werden können, wie z. B. die Erläuterung von Gebotsassistenten und deren Konfiguration oder die automatisierte Anlage in ein Portfolio mit vorgegebenem Rendite-Risiko-Mix. Für einen kompakten ersten Überblick ist das Buch P2P Kredite, Marktplatz für Privatkredite im Internet von Fabian Blaesi jedoch sehr hilfreich und daher zu empfehlen.

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