Pervasive Banking: Wenn Apples Sprachdienst Siri Deine Bankgeschäfte erledigt…

Veröffentlicht von Franz Sebastian Welter / 6. Juli 2012 / / 0 Kommentare

Wir leben in einer Zeit, in der meine Personenwaage twitter und facebook nutzen kann und die Daten in der Cloud mit den Fitness Daten von Fitness Apps à la runtastic oder den Daten meiner Pulsuhr synchronisiert, Kleidung Sensoren enthält, um permanent den Gesundheitsstatus zu monitoren und im Notfall Ärzte zu informieren, Kühlschränke auf das Internet zugreifen können, ich mein Smarthone per Spracheingabe steuern kann, verschiedene Unternehmen am „Selfdriving Car“ arbeiten, ich die Schaltung meines Fahrrads mittels Gehirnströmungen steuern kann und Brillen entworfen werden, die die Grenzen zwischen Realität und virtueller Welt komplett verschwinden lassen (Video unten). Was bedeutet das für das Banking von Morgen? Erleben wir mehr und mehr eine Entwicklung zum Pervasive Banking?

Verschiedene Fachbegriffe und Ausdrücke werden geprägt, um den Sachverhalt zu beschreiben, dass zunehmende Geräte auf das Internet zugreifen („Internet der Dinge“) und wir Computer rund um die Uhr benutzen ohne es zu merken („Pervasive Computing“) und unsere Umgebung geprägt durch diese Vernetzung immer mehr von uns weiß und im besten Fall kontextbezogene und smarte Empfehlungen aussprechen kann („Ambient Intelligence“).

Erst vor kurzem bin ich über eine relativ „alte“ Studie von Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gestolpert, die sich mit diesen Trends beschäftigt. Was mich beim lesen besonders beeindruckt hat, ist die relativ hohe Genauigkeit mit der schon 2006 die Entwicklungen für die nächsten 5-10 Jahre vorhergesehen wurde. In der Studie wird der Trend Pervasive Computing wie folgt beschrieben:

Pervasive Computing wird zu einem durchgreifenden Wandel im Umgang mit Computern führen. Während heutige IuK-Produkte und -Dienste in der Regel bewusst genutzt werden, wird sich dies im Pervasive Computing ändern. Da künftige Computer aufgrund ihrer Integration in Alltagsgegenstände oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden, entzieht sich auch ihre Nutzung weitgehend der bewussten Wahrnehmung. Vielfältige Prozesse laufen automatisch im Hintergrund ab und interagieren im Sinne des Nutzers, ohne dass dieser explizite Vorgaben macht bzw. Entscheidungen trifft: Im Pervasive Computing denkt die Umgebung mit und wird – so die Vision – zu einem kooperativen Partner des Menschen.  (Quelle: BSI, 2006)

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich Pervasive Computing in 2 Phasen weiterentwickelt.

Dementsprechend zeichnet sich ab, dass die Entwicklung des Pervasive Computing in mindestens zwei Stufen verlaufen wird: In einem Pervasive Computing der ersten Stufe (PvC-1) werden innerhalb der nächsten fünf Jahre zahlreiche Produkte und Anwendungen etabliert, die noch stark von den Entwicklungszielen Mobilität und Ad-hoc-Vernetzung gekennzeichnet sein werden. Im Wesentlichen handelt es sich hier um die Fortschreibung heutiger Trends, wie etwa der Miniaturisierung und der Integration verschiedener Funktionen in ein elektronisches Gerät und den so entstehenden intelligenten Gegenständen. Dabei ist zu erwarten, dass die Kontextsensitivität bereits in vereinfachter Form, etwa in Form von Nutzerprofilen, realisiert wird. Diese intelligenten Gegenstände werden trotz ihrer permanenten Verbindung mit Kommunikations- und Datennetzen noch weitgehend isolierte Lösungen sein, die eine Vielzahl von Fähigkeiten, insbesondere in Hinblick auf Kommunikation und Datenverarbeitung, in sich vereinen. Parallel dazu werden nach und nach technische Alltagsgegenstände vermehrt mit Mikrocontrollern und Sensoren ausgestattet und somit ebenfalls zu intelligenten Gegenständen aufgewertet. Ihre Funktionalität wird sehr aufgabenspezifisch sein, aber auch einfache Formen der Vernetzung bieten. (Quelle: BSI, 2006)

Rückwirkend betrachtet kann man wohl sagen, dass die letzten 5-6 Jahre kaum treffender beschrieben werden können (und das, obwohl die Studie noch vor dem Release des iPhones und dem dadurch ausgelösten Erfolg von Smartphones & Tablets veröffentlicht wurde.) Umso spannender also, von welchen weiteren Entwicklungen die Experten für die zweite Phase von „Pervasive Computing“ ausgehen.

Ausgehend vom PvC-1 wird sich nicht nur die Anzahl der Leistungsmerkmale und Fähigkeiten des Pervasive Computing steigern, sondern es wird auch zu qualitativen Sprüngen kommen. Ein zentrales Merkmal dieser scheinbar unsichtbaren und im Verborgenen operierenden IuK-Infrastruktur ist ihre Fähigkeit, Prozesse ohne explizite Kommandos durchzuführen. Eine derartige Kontextsensitivität wird im PvC-1 zunächst auf Basis von Nutzerprofilen erfolgen, so wie es auch heute schon bei zahlreichen Internet-Angeboten der Fall ist; mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden diese Profile sogar Internet-basiert umgesetzt und von den jeweiligen intelligenten Gegenständen abgerufen und genutzt. Im PvC-2 wird diese Profil-basierte Kontextsensitivität deutlich erweitert: Das PvC-2 verfügt über die Fähigkeit, intelligent und fallweise auf die situativen Benutzerbedürfnisse bzw. auf die Umwelt zu reagieren. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist die Verfügbarkeit einer leistungsfähigen Technologie für Software-Agenten, die auf Methoden der künstlichen Intelligenz und des Wissensmanagements beruht. Die offenen Weltmodelle der Agenten erlauben die Schaffung einer Funktionslogik, die ausreichend flexibel ist, um auch in unbekannten Kontexten ein gerichtetes Agieren zu ermöglichen, das in Übereinstimmung mit den Nutzerwünschen steht. (Quelle: BSI, 2006)

Zugegeben, die Entwicklungen für die zweite Phase von Pervasive Computing sind nicht ganz so konkret wie die der ersten Stufe. Aber vielleicht kommt uns das als Laien auch nur so vor, weil wir uns heute unter dem, was die Experten hier vermuten, noch nichts vorstellen können. Vielleicht lesen wir den Passus in 5-6 Jahren erneut und können auch hier die Entwicklung bestätigen.

Was könnte das nun für das Banking von Morgen bedeuten? Halten wir fest, dass immer mehr Menschen das Internet nutzen und dies auch zunehmend von Geräten, die keine handelsüblichen PCs sind (wie z.B. das Smartphone, TV, Kühlschrank usw). Es werden zunehmend Dienste genutzt, die sich auch untereinander vernetzen bzw. Daten austauschen (Beispiele: Facebook Connect, Withings Waage und Fitness Apps usw). Außerdem werden diese Services und Apps nicht mehr nur am Schreibtisch, sondern von überall und jederzeit genutzt. Diese Informationen zum Kaufverhalten, Nutzungsverhalten von Services und Plattformen sowie Bewegungsdaten (Ihr Smartphone weiß wo Sie sind) fließen in Ihre – bleiben wir mal bei dem Begriff  – „Digitale Aura“. Da alles was wir machen immer weiter digitalisiert wird, bildet sich eine „Digitale Aura“ in der sämtliche Daten und Information über uns „gespeichert“ sind. Die „Digitale Aura“ weiß was wir machen (weil alles was wir machen digitalisiert oder zumindest digital angereicht wird), wo wir sind (z.B. Ortungsfunktion in Smartphones), was wir uns wünschen (aus den zahlreichen digitalen Spuren, die wir in sozialen Netzwerken und Apps hinterlassen), wie wir etwas üblicherweise erledigen (z.B. wie wir üblicherweise Probleme lösen) und wie es uns geht (entweder abgeleitet aus unserem Nutzungsverhalten, oder aus Gesundheitsapps & Co). Benutzen wir außerdem eine digitale Brille (z.B. die google Brille), dann kann unsere „Digitale Aura“ außerdem alles sehen, was wir sehen.

Wenn nun intelligente Services entstehen, die diese Daten zu nutzen wissen und dem einzelnen Nutzer kontextbezogene Hinweise und Angebote unterbreiten (wie die Experten in ihrer Studie vermuten), dann könnte erstmals ein wirklicher „PDA – Personal Digital Assistant“ entstehen. Das könnte z.B. Apples Siri sein. Lassen Sie uns im Folgenden mal ein bisschen spinnen. Stellen Sie sich vor Apples Siri hat Zugriff auf alle Daten, die Sie für Siri freischalten. Zum Beispiel sämtliche Daten von Apps, die Sie auf ihrem Smartphone nutzen und zusätzlich die Daten Ihrer Google Brille. Sind Sie dann z.B. bei einem Autohändler und werfen einen Blick auf einen Wagen, weiß Siri auf welchen Wagen sie gerade sehen, scannt alle Angebote im Internet zum Vergleich, zeigt die Bewertungen des Autohändlers, wirft einen Blick in ihre mobile Banking App und erkennt ihre finanzielle Situation, zeigt Ihnen passende Finanzierungsangebote von allen Banken bei denen Sie eine Bankverbindung besitzen (das weiß Siri schließlich aus Ihrer Banking App) und alternativ von anderen Banken (natürlich immer auch mit Bewertung der Banken aggregiert aus verschiedenen Bewertungsportalen). Zum Vergleich werden Ihnen passend zum Auto, das Sie im Blickfeld haben, Leasingangebote eingeblendet.

Ein anderes Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie wollen Kunde einer Bank werden und gehen zu diesem Zweck in eine Bank. Durch Ihre Brille sehen Sie einen Berater. Der Berater wird via Gesichtserkennung erkannt und ein Abgleich mit dem Internet durchgeführt. Über soziale Netzwerke werden alle verfügbaren Informationen zur Verfügung gestellt. Parallel erfolgt ein Abgleich mit diversen Bewertungsportalen (z.B. whofinance.de). Die Bewertung des Beraters und sämtliche Profile aus sozialen Netzwerken werden Ihnen im Display angezeigt.

Ein weiteres Beispiel: Siri erkennt Fälligkeiten bestehender Geldanlagen und informiert sie darüber zum entsprechenden Datum (die Information könnte via Stimmausgabe oder – etwas diskreter – im Display einer Brille erfolgen). Außerdem werden Ihnen Vorschläge unterbreitet wie Sie Ihr Geld anlegen könnten. Auch hierfür greift Siri auf verschiedene Informationen zu. Anhand Ihrer Amazon Wunschliste und weitere Wünsche, die Sie in Facebook und teilweise in Ihrem Personal Finance Management Tool hinterlegt haben, erkennt Siri welche Wünsche und Bedürfnisse Sie haben. Siri unterbreitet Ihnen dementsprechend Vorschläge, die zur Realisierung Ihrer Ziele dienlich sein können. Per Knopfdruck entscheiden Sie sich für einen Vorschlag und Siri übernimmt die Abwicklung der erforderlichen Transaktionen. Siri beachtet dabei auch Auswirkungen auf Ihren Freistellungsauftrag (die Information hat Siri aus Ihrer Banking-App) und passt diesen unter Umständen nach Absprache mit Ihnen an.

Sind solche Szenarien vorstellbar? Entwickelt sich das Retail Banking mehr und mehr zum Pervasive Banking? Oder wäre das beschriebene Szenario eher ein Datenschutz-Supergau? Was meinen Sie?

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