Facebook Credits und andere virtuelle Währungen sind im Kommen

Veröffentlicht von Michael Merkel / 6. August 2012 / , , / 4 Kommentare

Weltweit gibt es mehr als 160 reale Währungen. Neben Euro, US-Dollar, Yen oder Renmimbi gewinnen inzwischen so genannte Virtual Currencies im Web – und darüber hinaus – an Bedeutung. Eine reale Gefahr für die Bankenwelt?

Virtuelle Währungen wurden bislang meist von Website-Betreibern geschaffen. Der Nutzer zahlt reales Geld auf ein Konto ein und erhält hierfür virtuelles Geld. Damit bezahlt er auch reale Güter oder sonstige Leistungen des Anbieters. Teilweise wird die Währung sogar von anderen Website-Betreibern als Zahlungsmittel anerkannt. Der Rücktausch in die reale Währung ist in den meisten Fällen ebenso möglich.
Als im Jahr 2003 die Online-3D-Infrastruktur „Second Life“ veröffentlicht wurde, entstand eine virtuelle Währung, die schon bald eine hohe Popularität erreichte – die so genannten Linden-Dollars. Damit konnten in der virtuellen Welt von „Second Life” Gegenstände, Immobilien und andere Güter oder Dienstleistungen bezahlt werden. Einige Anwender wurden durch dieses Spiel beim Handel mit virtuellen Gütern sogar zum Millionär – in realen US-Dollar wohlgemerkt. Weitere virtuelle Währungen wie etwa Facebook Credits oder Bitcoin folgten etwas später.

Diese nicht realen Währungen bieten die Möglichkeit, virtuelle Güter schnell und einfach online zu bezahlen. Der Benutzer meldet sich hierfür mit Benutzernamen und Passwort im jeweiligen System an und hat sofort Zugriff auf sein virtuelles Guthaben. Die Idee ist, die virtuelle Welt mit der realen Welt zu verknüpfen und dabei zu monetarisieren. Im Jahr 2009 gaben US-Amerikaner 620 Millionen Dollar in virtuellen Welten wie eben „Second Life“ aus. Anfang 2011 wurden Transaktionen mittels virtueller Währungen in Höhe von über 7 Milliarden US-Dollar pro Jahr durchgeführt. Davon allein rund 2 Milliarden US-Dollar in den USA. Die virtuellen Währungen haben also mittlerweile einen bemerkenswerten Stellenwert erreicht.

Die größte Social-Media-Plattform Facebook möchte nicht nur in virtuellen Spielen und bei Facebook Apps ihr Zahlungsmittel „Facebook Credits“ zur Verfügung stellen. Die Währung soll – ähnlich wie Paypal – zu einem weit verbreiteten, bedeutenden Zahlungsmittel heranwachsen. Populär wurden die Credits von Facebook durch die Echtzeit-Farmsimulation „FarmVille“, die in Facebook gespielt werden kann. Den ersten Schritt hat Facebook schon geschafft: Facebook Credits können heutzutage schon bei verschiedenen Elektro-Discountern in Form von Gutscheinkarten gekauft werden.

15 Millionen der insgesamt knapp über 900 Millionen Facebook-Nutzer haben im vergangenen Jahr Facebook-Credits genutzt, um virtuelle Güter zu bezahlen. Facebook stellt für jede Transaktion 30 Prozent der übermittelten Summe als Gebühr in Rechnung. So wird schnell deutlich, wo hierbei der Nutzen für das weltweit größte soziale Netzwerk liegt.

Nicht kommerziell: Bitcoin
Im Gegensatz zu den Facebook Credits ist die Währung „Bitcoin“ nicht aus kommerziellem Antrieb entstanden, sondern um Geldtransaktionen anonym durchführen zu können. Das Softwareprojekt selbst basiert auf Open-Source. Der Quellcode der Software ist für jeden zugänglich und kann auch von jedem verändert werden. Die Währung ist frei handelbar und lässt sich über so genannte Bitcoin-Trader in reales Geld umtauschen. Jeder Nutzer hat die Möglichkeit – begrenzt –, selbst neue Bitcoins zu produzieren, das so genannte „Mining“. Dafür ist allerdings spezielle Hardware mit sehr hoher Rechenleistung notwendig.

Je mehr Bitcoins im Umlauf sind, desto länger dauert es, neue zu erzeugen oder zu berechnen. Die Geldmenge wird dadurch begrenzt. Durch die komplexe dezentrale Struktur ist der Bitcoin-Zahlungsverkehr von Banken oder Regierungen nicht steuer- oder kontrollierbar. Interessant: Aktuell werden pro Stunde etwa 43.500 Bitcoins transferiert. Der aktuelle Kauf-Kurs einer Bitcoin beträgt
rund 3,70 Euro. Zugriff auf diese Währung erhält man durch den Bitcoin-Client, eine Art „digitaler Geldbeutel“.

Zu Beginn der Einführung in 2009 verlief die Kursentwicklung der Bitcoin (BTC) volatil. Nach anfänglichen Ausschlägen nach oben und unten hat sich der Kursverlauf zwischenzeitlich etwas beruhigt (Kurs Juli 2010: BTC zu US-Dollar: 0,008; November 2010: 0,50; November 2011: 2,36; 13. Mai 2012: 4,96). Die Marktkapitalisierung schwankt offenbar sehr stark. Im Juni 2010 lag sie noch bei unter 1 Million US-Dollar, stieg dann bis Juni 2011 auf über 200 Millionen US-Dollar und liegt nun aktuell bei rund 45 Millionen US-Dollar.

Bitcoin

Bitcoin ist ein Softwareprojekt, das im Jahr 2009 gestartet wurde. Ziel des Projekts ist es, die „Bitcoin“ als alternative Giralgeldwährung – Peer to Peer (von PC zu PC ohne zwischengeschalteten zentralen Server) – zu nutzen. Über spezielle Bitcoin-Adressen kann Geld anonym an andere Empfänger überwiesen werden. Neue Bitcoins können theoretisch durch jeden Anwender
generiert werden. Dazu muss er jedoch mithilfe eines Computers komplexe mathematische Berechnungen durchführen (Mining).
Die Anzahl existierender Bitcoins ist auf rund 21 Millionen begrenzt. Hierdurch soll Inflation verhindert werden.

Eine zentrale Stelle, die die Transaktionen überwacht, existiert nicht. Alle Aufgaben werden von dem Bitcoin-Netzwerk selbst verwaltet. Ein Bitcoin ist nur eine Zahl, hinter der kein materieller Wert steht. Sicherheit: Jeder Nutzer verfügt über einen öffentlichen und einen privaten elektronischen Schlüssel. Mit dem privaten Schlüssel signiert der User ein Transaktionsdokument. Der Empfänger bestätigt die Transaktion mithilfe eines öffentlichen Schlüssels. Mehrfachnutzungen werden durch eine verteilte Datenbank (Informationen der Transaktion werden auf anderen PCs im Netzwerk gespeichert) verhindert. Im Netzwerk gibt es keine Namen, der Kontostand ist dem privaten Schlüssel zugeordnet. Das Transferieren der Währung erfolgt anonym.

Allerdings birgt die virtuelle Geldproduktion
auch etliche Risiken:

  • Transaktionen lassen sich nicht überwachen. Damit erhöht sich das Risiko einer illegalen Nutzung etwa für Geldwäsche oder Steuerhinterziehung.
  • Entwertung. Die Währung könnte durch den Gesetzgeber innerhalb kurzer Zeit verboten werden.
  • Datensicherheit. Wie gefährlich die Nutzung von Bitcoin sein kann, zeigt sich durch den Hack der Bitcoin-Handelsplattform „Mt. Gox“ im Juni 2011. Ein Hacker stahl die Accountdatenbank und versuchte auf diese Weise, die verschlüsselten Passwörter der Benutzerkonten zu knacken. Innerhalb kurzer Zeit war diese Datenbank im Internet auf verschiedenen Tauschbörsen erhältlich. Als ein Account plötzlich 500.000 Bitcoins verkaufte, brach der Kurs der Bitcoins innerhalb kurzer Zeit von 17 Dollar auf 0,01 Dollar ein.

Reale und virtuelle Welt verschmelzen
Letztlich kann jedes beliebige Unternehmen als eine Art „Zentralbank“ fungieren und eigene Währungen kreieren sowie Zahlungen abwickeln. Insgesamt scheint die reale Welt immer mehr mit der virtuellen Welt zu verschmelzen.

Für virtuelle Währungen interessiert sich momentan, ähnlich wie etwa für die Peer-to-Peer-Kredite vor drei Jahren, nur eine kleine Gruppe von Internetnutzern. Da jedoch in den vergangenen Jahren Komplementärwährungen wie beispielsweise Bonuspunkte oder Prepaid-Guthaben stark zugenommen haben, kann davon ausgegangen werden, dass auch das Interesse und die Nutzung dieser Währungen zunehmen wird. Trotz aller Gefahren stellen insbesondere die Bitcoins eine interessante Währung dar, die unter anderem auch Inflationssicherheit verspricht.

Die Zahl der Anbieter, die sich auf den Handel mit virtuellen Währungen spezialisieren, steigt stetig. Es stellt sich die Frage, ob virtuelle Währungen den Banken künftig in ihrem angestammten Geschäft Marktanteile streitig machen können. Mit Blick auf das geringe Vertrauen der Konsumenten in die neuen Währungsformen dürfte dies auf absehbare Zeit nicht der Fall sein. Gleichwohl könnte der Druck auf die Banken stärker werden, sich – vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung – auch mit virtuellen Währungen auseinanderzusetzen.

 

Erschienen im Magazin BANKINFORMATION Ausgabe 06/2012

(Deutscher Genossenschafts-Verlag eG)

Kommentare

4 Kommentare

  • Facebook Credits gibt es seit diesem Jahr nicht mehr. Facebook geht einen anderen Weg.

    Ich glaube auch, dass virtuelle Währungen keine Zukunft haben.

    Beste Grüße
    Hansjörg Leichsenring

    http://www.der-bank-blog.de

  • 6. August 2012 bei 12:37

    Rechtlich werden Facebook Credits und Linden Dollar meines Wissens als Gutschriften eingestuft, nicht als Währung. Ob das so bleiben wird?

    Warum sind solche Währungen eigentlich für Kunden interessant? Weil sie einfach zu benutzen sind, oder? Weil ich über die Facebook-Website gern ein paar Euro in Form von Credits verwalte – ist ja nicht viel Geld, das Risiko ist nicht so hoch.

    Das klassische Girokonto ist im Vergleich dazu ein viel höheres Risiko – mit Gehaltseingang, Lastschriftverfahren , Dispo … da kann einiges wegkommen. „Echtes“ Banking auf Facebook würde deshalb viel kritischer gesehen.

    Platt gesagt: Das Konto ist der Tresor, Credits sind das Portemonnaie.

    Muss das so sein? Können Banken nicht Konten mit Portemonnaie-Charakter bereitstellen?
    Wenn sie das nicht tun, lassen sie die Konsumenten-Websites nur weiter in ihre Domäne eindringen.

    Danke für den informativen Beitrag,
    Elmar Borgmeier

  • 6. August 2012 bei 16:46

    Ob virtuelle Währungen bzw. Komplementärwährungen eine Zukunft haben, liegt daran wie sehr wir diese in unseren Alltag integrieren können. Entscheiden wird sich dieses denke ich über Akzeptanz und Nutzungsfreundlichkeit.

    Beides haben bitcoins für mich persönlich leider nicht. Die bisherigen Akzeptanzstellen liegen wohl eher (Anonymität) im Darknet und wirklich einfach ist der Bitcoin Client leider auch nicht.

    Interessant wird es aber, wenn sich im Zuges der Diskussionen über virtuelle Währungen oder Zahlungssysteme ein kreativer Unternehmer mit ausreichend realem Kapital auf dieses Thema stürzt und alltagstaugliche Funktionen zum Konzept hinzufügt. Dann wird es glaube ich schnell einen ausreichenden Markt geben.

    Wird dieser Unternehmer eine heutige Bank sein? Da bin ich mir nicht sicher….

  • MM
    MM
    8. August 2012 bei 10:12

    Hallo Herr Dr. Leichsenring,

    es handelt sich bei diesem Artikel um eine Wiederveröffentlichung eines in dem Magazin Bankinformation veröffentlichten Artikels. Zu dem Zeitpunkt als der Artikel geschrieben wurde, war leider noch nicht absehbar, dass die Facebook Credits eingestellt werden. Trotzdem bleiben die virtuellen Währungen ein spannendes Thema, ob es allerdings einen richtigen Durchbruch gibt und wer diesen schafft, bleibt abzuwarten.

    @Elmar Borgmeier:
    Ob die virtuellen Währungen weiterhin als Gutschrift eingestuft werden, hängt vermutlich auch davon ab wie stark diese genutzt werden. Sicher bergen die aktuellen wenigen Euros, die über solche Plattformen abgewickelt werden, wenig Risiko aber dies könnte auch erst der Anfang sein. Wer weiß ob solche Plattformen nicht schon an einem „echten Bankingangebot“ arbeiten..

    @Dirk Emminger:
    Ich teile Ihre Meinung. Dem ist nichts hinzuzufügen 🙂

    Viele Grüße
    MM

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