Crowd-Rating – Die Crowd als Ratingagentur

Veröffentlicht von Thomas Hochfeld / 21. September 2012 / , , / 0 Kommentare

Im Juli diesen Jahres machte eine neue Crowdinvesting-Plattform mit der Ankündigung auf sich aufmerksam, Start-ups von den Nutzern (der Crowd) bewerten zu lassen. Dies sollte mittels einem innovativen Bewertungssystem, basierend auf der Intelligenz der Masse erfolgen. Ich habe mir diese Plattform www.united-equity.de näher angeschaut. Zum aktuellen Zeitpunkt sind dort die beiden Unternehmen „Nobleproject Administration GmbH“, ein Charity Concept Store und „Wildnoise GmbH“, ein Entwickler hochwertiger Soft- und Hardwareprodukte im Bereich der Musikelektronik, gelistet. Wie das Crowd-Rating auf dieser Plattform funktioniert, welche Unterschiede und welche Vor- bzw. Nachteile United Equity gegenüber bereits bestehenden Plattformen aufweist, zeigt dieser Blogbeitrag.

Der Investitionsprozess auf Anlegerseite ist einfach und unterscheidet sich nicht wesentlich von dem bereits etablierter Plattformen. Nach einer Registrierung suchen sie passende Unternehmen, in die sie investieren wollen, machen diesen ein Vertragsangebot über die gewünschte Anlagesumme und erhalten nach Vertragsschluss vom Unternehmen regelmäßig Informationen über den Geschäftsverlauf.

Der Finanzierungsprozess auf Unternehmensseite beinhaltet neben den technischen Schritten, wie Registrierung, Vertrag an die Plattform senden, Freischaltung noch Folgendes:

  • Auswahl des gewünschten Leistungspaktes (Basis-, Premium- oder PremiumPlus-Paket unterscheiden sich i.W. in der Dauer der Veröffentlichung, der Möglichkeit zur Auswahl potenzieller Investoren und ob nur ein Bonitätsindex oder ein ausführliches Bilanzrating des Partners „Creditreform Rating AG“ enthalten ist).
  • Eingabe der Unternehmensdaten (zu Geschäftsidee, Prokukt, Team, Marktsituation, Alleinstellungsmerkmal und Finanzen)
  • Auswahl des Finanzierungsinstruments (entweder in Form stiller Beteiligungen oder Genussrechte)
  • Werbung und Marketing (auf klassischem Weg, auf der eigenen Homepage und/oder vor allem in sozialen Netzwerken)
  • Auswahl der Investoren (je nach Leistungspaket besteht die Möglichkeit, die Investoren auszusuchen)

Start-ups, die noch keine Historie von drei Geschäftsjahren vorweisen können, müssen im Unterschied zu bereits bestehenden Plattformen zusätzlich den Crowd-Rating-Prozess in der Community erfolgreich durchlaufen, bevor sie gelistet werden könen. Gleiches gilt für bestehende Unternehmen, die aufgrund eines unzureichenden Creditreform Scores eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit haben.

In diesem Crowd-Rating bewertet die Crowd verschiedene Unternehmenssegmente. An erster Stelle steht die Beurteilung der Geschäftsidee, indem das Unternehmen Informationen zu Kooperationen, Angebot und Nutzen, Kundenbeziehungen und -gruppen sowie Ressourcen und Vertriebskanäle bereitstellt. Als nächstes gilt es das Produkt (bzw. die Dienstleistung) einzuschätzen und das Team zu beurteilen, um sich dann der Bewertung des Marktes anzunehmen. Die darauf folgenden Alleinstellungsmerkmale (USP) sind ein weiteres einzuschätzendes Segment, bevor man sich als letztes ein Bild über die Finanzen macht. Dies soll lediglich durch eine fünfjährige Rentabilitätsplanung (einschließlich der Planungsprämissen) und einem daraus abgeleiteten Diagramm ermöglicht werden. Einerseits wollen die Betreiber der Plattform sicherlich die Komplexität für ihre Nutzer so gering als möglich halten, andererseits liefert die Rentabilitätsplanung selbst dadurch wenig Informationen. Der Kostenbereich beinhaltet nur Personalkosten und sonstige Kosten sowie die Abschreibungen. Nicht ersichtlich sind z.B. die Zinsaufwendungen, anhand derer ein Investor evtl. bestehende Verbindlichkeiten abschätzen könnte. Aus einer Planbilanz wären diese ersichtlich, eine solche ist aber von der Plattform nicht gefordert. Ebenso vermisse ich eine Liquiditätsplanung, die m.E. bei neuen Unternehmen von immenser Wichtigkeit ist (wir erinnern uns: Zahlungsunfähigkeit oder auch nur drohende Zahlungsunfähigkeit sind Insolvenzgründe). Die Bewertung der einzelnen Segmente erfolgt sehr einfach über die Vergabe von Sternen (maximal fünf). Daran anschließend muss eine Entscheidung getroffen werden, ob das Unternehmen als Investmentangebot finanziert werden soll. Nur Unternehmen, die mindestens 100 Bewertungen erhalten haben und bei denen die Mehrheit für die Zulassung des Unternehmens abgestimmt hat, können ihr Investmentangebot bei United Equity einstellen. Final gilt es noch dem Unternehmen einen Wert beizumessen. Als Anhaltspunkte werden die Bilanzsumme, ein Markt- und ein Zukunftswert genannt, an denen man sich orientieren kann. Danach ist das Crowd-Rating abgeschlossen.

Wie einleitend erwähnt, soll das Crowd-Rating auf der Intelligenz der Masse basieren. In der Statistik gibt es „Das Gesetz der großen Zahlen“, wonach für zufällig, statistisch unabhängig gezogene Beobachtungen aus einer Grundgesamtheit gilt: je größer die Anzahl der gezogenen Beobachtungen, desto näher rückt der Mittelwert dieser Stichprobe an den Mittelwert der Grundgesamtheit. Burkhard Schneider erwähnt in seinem Blogbeitrag vom 19.7.2012 eine Anfälligkeit von Crowd-Ratings für Manipulationen, weshalb mir die benötigten 100 positiven Bewertungen als „Masse“ nicht ausreichend erscheinen, um zu einem unabhängigen Ergebnis zu kommen.

Die genannte Bewertung der einzelnen Segmente durch die einfache Vergabe von Sternen macht alleine noch kein intelligentes Rating aus. Hier haben die Betreiber der Plattform mit sogenannten Equity-Punkten einen Anreiz geschaffen, um die Einschätzungen, die zur Bewertung der einzelnen Segmente geführt haben, transparent(er) zu machen. Equity-Punkte erhält man für ein vorgenommenes Rating selbst, aber auch dafür, dass man eine (optionale) Begründung seiner Entscheidung hinterlegt. Stimmen weitere ratende Personen diesen Begründungen zu, werden weitere Equity-Punkte gutgeschrieben. Diese kann man wohl zu einem späteren Zeitpunkt auch auf der Plattform einsetzen. Wofür und in welcher Höhe ist zwar noch nicht ersichtlich, der Ansatz ist aber sicherlich förderlich für eine höhere Transparenz.

Ob die Unternehmen allerdings dem Crowd-Rating einen solchen Mehrwert beimessen, dass sie die Dauer vernachlässigen wollen, die es beansprucht ein solches Rating zu durchlaufen, bleibt abzuwarten. Immerhin konnten zum Beispiel auf Seedmatch Fundinglimits bereits nach nur 93 Minuten erreicht werden (1 Jahr Seedmatch: Crowdfunding für Startups in Zahlen).

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