„Young & Free“ nordamerikanische Genossenschaftsbanken und junge Erwachsene

Veröffentlicht von Anja Gempler / 29. Oktober 2012 / , , , / 0 Kommentare

Die drittgrößte Genossenschaftsbank Kanadas und die größte Albertas (Provinz Kanadas) ist die Servus Credit Union. Sie und andere Genossenschaftsbanken in Nordamerika haben die Aktion „Young & Free“ ins Leben gerufen, weil sie davon überzeugt sind, dass Banken junge Menschen nicht ausreichend genug wahrnehmen und betreuen. Ihre Stimmen und Meinungen zum Thema finanzielle Bedürfnisse werden nicht gehört und gehen unter. Deshalb, so sagen die Genossenschaftsbanken, wollen sie den 17- bis 25- jährigen Menschen die Chance geben, sich zu zeigen und ihre Bedürfnisse auszudrücken.

Sieben Genossenschaftsbanken aus sieben unterschiedlichen Regionen in Nordamerika (Alberta, Indiana, Maine, Michigan, New Mexico, South Carolina und St. Louis) setzen die Aktion „Young & Free“ mit dem gleichen Leitsatz um:

Giving you a voice, a head start and useful information
(Wir lassen dich sprechen, geben dir einen Vorsprung und alle Informationen, die du brauchst) 

1. A Voice – Jungen Menschen eine Stimme geben

Sie gehen jährlich auf die Suche nach einem Spokester (Vertreter) für die Gruppe der 17- bis 25- Jährigen, dessen Plattform die „Young & Free“ Webseite darstellt. Ziel der Genossenschaftsbanken ist es, mit Jungen Leuten in Kontakt zu treten und dadurch ein Verständnis zu entwickeln und Lösungen dafür zu finden, wie sie deren Ansprüchen gerecht werden können.

2. A Head Start – Jungen Menschen einen Vorsprung verleihen

Frei und unbegrenzt für alle zwischen 17 und 25 Jahren: jede Region bietet ein gebührenfreies Kontomodell an.

Alberta: „Young & Free Chequing Account“

– keine monatliche Bearbeitungsgebühr
– keine Gebühr für das Abheben von Geld am Geldautomaten aller Acculink® ATMs
– gebührenfreie Transaktionen (auch an der Kasse)
– gebührenfreie Transaktionen mit der Chequewise™/GLOBAL PAYMENT™ Card
– Schecks
– Rechnungen
– Online Banking und Teleservice
– Gewinnbeteiligung

3. Useful Information – Jungen Menschen nützliche Informationen geben

Sie möchten nicht selbst entscheiden was junge Menschen brauchen. Sie möchten es von den jungen Menschen selbst hören und für sie da sein, wenn sie Fragen haben. Dafür setzen sie den „Young & Free“ Spokester ein. Er beantwortet alle Fragen und Anliegen, die seitens der jungen Leute aufkommen. Die Bank selbst steht immer im Hintergrund zur Verfügung, um den aufkommenden Bedürfnissen gerecht zu werden.

Nicht nur ernsthafte finanzielle Dinge sollen im Vordergrund stehen, sondern auch das Leben selbst.

Der „Young & Free“ Spokester

Hier geht’s zum Video

Jährlich schreiben alle teilnehmenden Regionen eine Stelle als „Young & Free“ Spokester aus. Bewerben können sich alle 17- bis 25- Jährigen mit einem Video von sechzig Sekunden und einem Blogbeitrag. Unter allen Bewerbern werden drei Finalisten ausgewählt und der Community für ein anschließendes Online-Voting vorgestellt. Der Gewinner bekommt den Job als „Young & Free“ Spokester und erhält ein regelmäßiges Gehalt, sowie einen Computer, eine Kamera und ein Smartphone.

Der „Young & Free“ Spokester vertritt junge Menschen im Alter von 17 bis 25 Jahren und hat einen „full-time job“: er vertritt die jeweilige Genossenschaftsbank auf Events, ist über Facebook und Twitter für alle erreichbar, postet wöchentlich fünf Blogbeiträge und lädt wöchentlich ein neues selbstgedrehtes Video auf der „Young & Free“ Webseite hoch. Er ist dafür da, den jungen Leuten zuzuhören und ihre Gedanken und Meinungen gegenüber Banken und deren Angebote und Dienstleistungen aufzunehmen.

Gerne möchte ich an dieser Stelle ein schönes Beispiel eines wöchentlichen Videobeitrages einbringen:

„Why choose a credit union“

Außerdem leistet der Spokester regelmäßig mit den anderen „Young & Free“ Spokester einen Beitrag zu einer Online-Show, die zur finanziellen Bildung beitragen soll.

Aber nicht nur der „Young & Free“ Spokester ist eine Besonderheit des Programms. Die Palette reicht von kreativen Video- und Designwettbewerben, über Stipendienausschreibungen bis hin zu Musik- und Tanzwettbewerben und exklusiven Events für Mitglieder.

So zeigen sich die Genossenschaftsbanken aus Nordamerika auf ihrer Webseite. Jetzt frage ich mich – spricht mich das an? Immerhin gehöre ich, dem Alter nach, zur Zielgruppe der Banken. Ich versuche vorurteilsfrei und unbelastet an ihr Angebot heranzugehen:

Mein erster Eindruck war positiv. Tolle Aufmachung, leicht verständlich. Eine klare Gliederung, mit der man sich identifizieren kann: Meine Meinung, mein Vorteil und alle Informationen, die ich brauche.

Sie erfüllen einige Kriterien, die aus meiner Sicht auf meine Altersgruppe wirklich attraktiv wirken:

  • Sie vermitteln das Gefühl immer mit einem Ansprechpartner in Kontakt treten zu können, sozusagen in einer eigenen Community zu sein.
  • Sie kommunizieren sehr viel über Videos, die einen schnellen und ansprechenden Zugang zu Informationen bieten.
  • Sie versuchen alles einfach und ehrlich zu halten.
  • Sie haben ein ansprechendes und unterhaltsames Auftreten ohne ihre Seriosität zu verlieren.
  • Sie legen nicht nur Wert darauf, ihre Produkte zu verkaufen, sondern auch darauf, einen Bildungs- und Aufklärungsauftrag zu erfüllen.

Toll finde ich auch, dass man das Gefühl hat, dass sie nicht nur über gebührenfreie Angebote zu punkten versuchen, sondern auch über die Werte und die Daseinsberechtigung von Genossenschaftsbanken – wie das obige Video zeigt. Wie die Genossenschaftsbanken hierzulande ihren Wettbewerbsvorteil durch die Mitgliedschaft immer mehr nutzen, stellen die Spokester in ihren ansprechenden Videos die Bedeutung einer Mitgliedschaft für jeden einzelnen dar und wollen somit Vertrauen aufbauen.

Der Spokester dient als Markenbotschafter – gemäß dem Embedded Branding.

Embedded Branding:

Auf der einen Seite finde ich es ansprechend, den ersten Kontakt mit einer Person zu suchen, die zum einen im gleichen Alter ist und zum anderen kein typischer Bankberater ist. Dadurch, dass Inhalte von dieser Person kommuniziert werden, wirken die Inhalte authentischer und weniger aufgesetzt. Auf der anderen Seite möchte ich als junger Erwachsener doch ernsthaft beraten werden. Das ist etwas, das mir auf der Webseite ein bisschen fehlt, stehen die Genossenschaftsbanken doch unter anderem auch für Nähe und persönliche Betreuung. Hinter allen Infos und allem Spaß muss letztendlich eine ernstzunehmende qualitativ einwandfreie Beratung stehen.

Interessant ist, dass sich der Blog von „Young & Free“ nicht nur auf Bankthemen bezieht. Auch alltägliche Dinge werden thematisiert. Spannend wäre es zu wissen, wie hoch der Blog und die Webseite frequentiert sind. Schaffen die Genossenschaftbanken das Interesse der Jungen Erwachsenen so stark zu wecken, dass sie regelmäßig die Webseite besuchen, um Up-To-Date zu sein oder auch nur unterhalten zu werden, dann wäre das schon ein sehr großer Erfolg für eine Bank. Stehen Banken doch nicht gerade für die spannendsten Inhalte.

Interessehalber habe ich mir die Facebookseiten der sieben Regionen angeschaut, auch wenn um die Aussagekraft von „Likes“ gestritten wird:

Alberta 1.103 „Likes“ bei 3.290.350 Einwohnern in Alberta
Indiana 808 „Likes“ bei 6.483.802 Einwohnern in Indiana
Maine 1.131 „Likes“ bei 1.328.188 Einwohnern in Maine
Michigan 1.099 „Likes“ bei 9.883.640 Einwohnern in Michigan
New Mexico 519 „Likes“ bei 2.059.179 Einwohnern in New Mexico
South Carolina 2.235 „Likes“ bei 4.625.364 Einwohnern in South Carolina
St.Louis 806 „Likes“ bei 319.294 Einwohnern in St.Louis

Rein objektiv betrachtet verzeichnen einige Regionen für die Bemühungen, die sie mit dieser Aktion auf sich nehmen, eine zu geringe Anzahl an „Likes“. Also eine eher schwache Leistung von „Young & Free“?

Zum Abschluss noch positiv hervorzuheben ist, dass auch den „grown up“ ein paar Zeilen gewidmet werden. Die älteren unter den jungen Kunden werden gleich darauf vorbereitet was ab dem Alter von 26 Jahren für sie ansteht und somit aufgefangen.
No worries – it’s really not so scary, and Servus is here to help you throughout your personal journey! My life, my business, my community, my next step.

Ganz klar ist, dass eine Bank abwägen muss wie viel Kraft und Ressourcen sie in eine solche Aktion steckt und was genau sie damit erreichen will. Sicher ist, dass gerade Genossenschaftsbanken in Deutschland noch lange nicht als cool angesehen werden und bei der jungen Zielgruppe bislang auch noch nicht so bekannt sind wie bei älteren Zielgruppen. Zeit etwas zu ändern – in welcher Form auch immer.

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