Crowdfunding, Crowdinvesting – Bedeutung, Funktionsweisen und Mehrwert

Veröffentlicht von Thomas Hochfeld / 20. November 2012 / , , / 9 Kommentare

In den vergangenen Monaten wurde in der Presse vermehrt über die Themen Crowdfunding und Crowdinvesting berichtet. Besonders auffällig waren die Finanzierung des Kinospielfilms der beliebten Stromberg-TV-Serie mit Christoph Maria Herbst und das über die Crowd (Masse der anonymen Internetnutzer) gestaltete und finanzierte Hartz-IV-Möbel-Buch. Solche Finanzierungen sind für kapitalsuchende Privatpersonen und Unternehmen durchaus attraktiv.

Die ersten Crowdfunding-Plattformen in Deutschland gingen in den Jahren 2010/2011 online. Aufgrund der noch sehr jungen Entwicklung und der durchaus unterschiedlichen Ausprägungen und Ziele der Plattformen existieren zahlreiche Definitionen der Begriffe. Christian Henner-Fehr (Das Kulturmanagement Blog) beschreibt „Crowdfunding als Ausprägung des Crowdsourcing, mit dem Ziel, Vorhaben zu finanzieren, bei denen es um die Durchführung von Projekten, die Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen, aber auch die Gründung von Unternehmen gehen kann. Die Initiatoren setzen dabei auf das Prinzip ‚Kleine Beträge von vielen Unterstützern‘ und bieten dafür entsprechende Gegenleistungen (auch Prämie, Dankeschön) an, die neben aus dem Vorhaben heraus generierten Produkten auch ideeller oder finanzieller Natur sein können.“

Svenja Mahlstede von der Popakademie Mannheim verortet Crowdfunding als eine besondere Form des Crowdsourcing, „bei dem aus Unternehmenssicht nicht auf die Ideen oder die Arbeitsleistung der Masse der Internetuser abgezielt wird, sondern diese als Kapitalgeber gewonnen werden sollen.“

Die Definition des Crowdfunding Industry Reports unterteilt Crowdfunding je nach Ziel weiter in:

  • auf Belohnungen basierende Finanzierungen,
  • auf Spenden basierende Finanzierungen,
  • auf Kredit basierende Finanzierungen und
  • auf Eigenkapital basierende Finanzierungen.

Karsten Wenzlaff, freiberuflicher Berater für Social Media, ergänzt als wichtigsten Aspekt, „dass Crowdfunding grundsätzlich offen ist, die Methoden des Web 2.0 zur Kommunikation nutzt und in der Regel es eine Form von materiellen oder immateriellen Gegenleistungen gibt.“ Die beiden auf Kredit und Eigenkapital basierenden Finanzierungen sind eher profitorientiert und werden unter dem Begriff Crowdinvesting zusammengefasst.

Crowdfunding

Das generelle Konzept ist bei allen Plattformen sehr ähnlich. Nach der Anmeldung dort beschreiben sie ihre Idee oder ihr Projekt mit Texten, Bildern und einem Video, legen die benötigte Finanzierungssumme und ein Zeitlimit fest und überlegen sich eine Gegenleistung, die Ihre Förderer im Gegenzug erhalten.

Danach veröffentlichen sie ihre Projektseite und versuchen andere von ihrer Idee zu überzeugen und sie als Förderer zu gewinnen. Innerhalb des gesetzten Zeitlimits spenden die Förderer dann Geld für die Idee. Wenn das Projekt die Finanzierungssumme erreicht, bekommen sie das Geld ausgezahlt und können Ihr Projekt realisieren. Wird die Finanzierungssumme überschritten, bekommen sie entsprechend mehr ausgezahlt. Sollte die Summe aber nicht erreicht werden, bekommen die Investoren nichts ausgezahlt und die bereits gewonnenen Förderer erhalten ihr Geld wieder zurück (Alles-oder-Nichts-Prinzip). Die Chancen auf eine erfolgreiche Finanzierung verbessern sich, wenn die von Monica Appelbe im Blog von intuit.com genannten Hinweise befolgt werden können:

  1. Wahl der richtigen Plattform
    Inzwischen gibt es zahlreiche Plattformen, wie die „Liste mit Crowdfunding-Plattformen“ von Leander Wattig zeigt. Ende Juli waren dort 132 Seiten aufgeführt. Grundlegend sind sie sich sehr ähnlich, jedoch entwickelten die sie eigene Schwerpunkte und Herangehensweisen.
  2. Realistische Finanzierungssumme und realistisches Zeitlimit planen
    Eine zu hohe Finanzierungssumme kann eine erfolgreiche Finanzierung verhindern, da die Gefahr besteht, dass sich nicht genügend Unterstützer finden.
  3. Individuelles Video erstellen
    Es sollte neben dem eigentlichen Projektinhalt auch die persönlichen Motivationsgründe des Projektinitiators beinhalten, sodass Interessenten Vertrauen in die Person und den Erfolg des Projekts entwickeln und das Projekt unterstützen möchten.
  4. Anreize bieten
    Je ausgefallener, individueller und vor allem einmaliger diese Anreize gestaltet werden, desto interessanter wirken diese auf potenzielle Unterstützer.
  5. Erst mit Freunden und Familie, dann mit der Crowd vernetzen
    Fremde Unterstützer schließen sich lieber bereits vorhandenen Unterstützern an, als der erste Förderer zu sein. Diese finden sich am leichtesten im persönlichen Umfeld.
  6. Regelmäßige Informationen
    Wenn Fans und Unterstützer auf dem Laufenden gehalten werden, ist es wahrscheinlich, dass sie auch in ihrem Netzwerk das Projekt weiter verbreiten werden.

Quelle: flickr.com, 401(K)2012

Crowdinvestment

Im Unterschied zum Crowdfunding, bei dem Förderer für ihren finanziellen Beitrag eine Gegenleistung in Form eines limitierten Produkts oder ideellen Dankeschöns erhalten, erwerben Investoren bei den auf Eigenkapital basierenden Finanzierungen stille Beteiligungen (mit Laufzeiten zwischen fünf und sieben Jahren) an jungen Unternehmen und sind damit an möglichen Gewinnen sowie Verlusten und am Wachstum des Startups beteiligt. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Startup-Investments stets Risikoanlagen sind und ein Totalverlust immer möglich ist.

Für die Startups bedeutet diese Beteiligungsform, dass die möglichen Investitionssummen für potenzielle Investoren vergleichsweise sehr gering (ab 250 Euro oder 1.000 Euro bei den deutschen Plattformen Seedmatch und Innovestment) gehalten werden können und sich so die Chance auf zahlreiche interessierte Investoren deutlich erhöht. Außerdem erhalten die Investoren keine direkten Mitspracherechte, sondern haben nur Informations- und Kontrollrechte.

Bei der deutschen Crowdinvestment-Plattform Seedmatch wird dem stillen Gesellschafter je 250 Euro Einlage ein vereinbarter Anteil am Gewinn gewährt oder der Verlust von der Einlage in Abzug gebracht. Bei den per 30. Juli 2012 aktiven Investments auf Seedmatch betragen diese Anteile zwischen 0,01 Prozent und 0,0278 Prozent p.a. am Gewinn oder Verlust.

Am Wachstum nimmt der stille Gesellschafter über eine seiner Beteiligungsquote entsprechenden Beteiligung am Zuwachs des Unternehmenswerts teil. Hierzu wird der Unternehmenswert bei Zeichnung der stillen Beteiligung mit dem Unternehmenswert zum Zeitpunkt des Kündigungstermins verglichen und die Höhe der Beteiligung mit dem Faktor der Wertsteigerung multipliziert.

Der Unternehmenswert bei Kündigung ergibt sich entweder aus einer Multiplikation des EBIT mit dem Faktor 6,0 oder des Umsatzes mit dem Faktor 1,2 oder des Rohertrags mit dem Faktor 1,4. Sowohl die Bezugsgröße als auch die Höhe des Faktors werden im Beteiligungsvertrag vereinbart.

Der Unternehmenswert zu Beginn des Beteiligungsverhältnisses kann aufgrund des noch nicht aussagefähigen Zahlenmaterials nicht über solch eine einfache Multiplikation ermittelt werden. Seedmatch übernimmt den Unternehmenswert dann entweder von einem eventuell vorhandenen Leadinvestor oder ermittelt ihn auf Basis der Discounted-Cashflow-Analyse selbst. Es wird von Seedmatch zwar eine bodenständige, realistische und faire Bewertung versprochen, wie diese aber genau erfolgt, ist nicht ersichtlich.

Bei einem tendenziell zu hoch bemessenen anfänglichen Unternehmenswert und/oder einem zu niedrigen Unternehmenswert zum Kündigungstermin würde der Investor nicht vollumfänglich am tatsächlichen Wachstum beteiligt werden. Der umgekehrte Sachverhalt könnte zu Beginn eines Beteiligungsverhältnisses zu einer Überschätzung der Renditeerwartung führen.

Kapitalsuchende Privatpersonen und Unternehmen finden neben der eigentlichen Finanzierung einen Mehrwert in der Crowd. Schließlich wird auf den Plattformen auch das Projekt oder Produkt präsentiert. Auf Basis von Vertrauen, das anfänglich über die persönlichen Kontakte vorhanden ist, entstehen die ersten Zusagen, das Projekt zu unterstützen oder Produkte zu kaufen, wenn die Finanzierungssumme erreicht wird. Diese Zusagen werden ebenfalls auf der Plattform dargestellt und wirken auf weitere Dritte wieder als Vertrauensbeweis, sodass sich weitere Förderer und Investoren anschließen. Die Branchen Unterhaltungselektronik und Spieleentwicklung finden in den Plattformen ein perfektes Verkaufsumfeld und können zunehmend von diesen profitieren.

Obwohl es beim Crowdfunding keine finanziellen Gegenleistungen gibt, sind die Finanzierungen erfolgreich. Crowdfunding-Appelle richten sich an Menschen, die eine Idee wichtig finden, die ein Produkt gerne haben oder einen bestimmten Film gern sehen wollen. „Im Grunde ist das eine Art Domokratisierungsprozess“, sagt Bernd Hartmann von der Stabsabteilung Wirtschaftsförderung Stuttgart. Das Crowdfundingmodell sorgt somit dafür, dass verwirklicht wird, woran eine tatsächliche Nachfrage besteht.

Die Crowdinvestment-Plattformen können sich ebenfalls einer steigenden Nachfrage erfreuen, was sich in den immer kürzeren Auktionszeiträumen widerspiegelt. Die beiden ersten Finanzierungen im Jahr 2011 auf Seedmatch dauerten noch 90 Tage, das jüngste finanzierte Projekt brauchte nur noch 93 Minuten, bis die maximale Finanzierungssumme von 100.000 Euro erreicht war. Außerdem sorgt die im Mai diesen Jahres online geschaltete deutsche Plattform Bergfürst für Aufsehen. Sie hat eine Lizenz als Finanzdienstleister bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht beantragt und beabsichtigt, Eigenkapital in Form von Aktien zur Platzierung anzubieten und so großvolumige Wachstumsfinanzierungen zu ermöglichen.

P2P-Kredite (Smava), Projektfinanzierungen (Startnext), Beteiligungen an Unternehmen (Innovestment und Seedmatch) sowie die Ausgabe von und der Handel mit Unternehmensaktien (Bergfürst) könnten Anlass geben, der Aussage von Bill Gates „Banking is necessary, banks are not“ zuzustimmen. Die Herausforderung für etablierte Finanzinstitute liegen laut Dr. Mirko Schiefelbein von Juniorwiki, einem Verein zur Förderung altersgerechten Wissens, jedoch darin, „nicht von bisherigen Geschäftsmodellen Abstand zu nehmen und vollständig auf neue Konzepte zu schwenken, sondern die klassischen Modelle mit neuen Konzepten zusammenzubringen.“

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Kommentare

9 Kommentare

  • 20. November 2012 bei 11:05

    Crowdinvesting ist jetzt auch im Mittelstand angekommen.

    Am 19.11.2012 ist bankless24 live gegangen.

    Ab dem 21.11.2012 können Anleger in die ersten beiden Finanzierungsprojekte von mittelständischen Unternehmen investieren.

  • Carola
    22. November 2012 bei 11:01

    Schon klasse, was mit Crowdfunding und -investing alles erreicht werden kann. Star Citizen soll wohl mit der bisher größten Summe von 6 Millionen Dollar finanziert worden sein. Es scheint mir so, als ob immer mehr Leute sich für diese Art der Finanzierung begeistern. Auf http://www.veroeffentlichen-heute.de gab es vor Kurzem auch einen sehr guten Artikel zu dem Thema, welchen ich besonders Autoren empfehle.

  • 22. November 2012 bei 16:31

    Crowdfunding (insbesondere als Crowdinvesting) ist mittlerweile auf einem guten Weg in die mitte der Gesellschaft, Insbesondere erfolgreiche, finanziell gut situierte männliche Anleger setzen auf Crowdinvesting. Mittlerweile gibt es auch Newsletter, die über mögliche Kapitalanlagemöglichkeiten mittels Crowdinvesting informieren. Informationen bieten beispielsweise die beiden Websites http://gumpelmaier.net/ und http://www.smallcapservice.de.

  • klm
    4. Dezember 2012 bei 7:28

    Ergänzend sollte die Webseite http://crowdstreet.de erwähnt werden, wo auch viele Interviews u.a. auch mit oben erwähnten Personen zu lesen sind.

  • 13. Januar 2013 bei 13:11

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Der Unternehmenswert ist immer das Ergebnis der Unternehmensbewertung. Je nach Anlass muss dabei differenziert werden. Der Anlass ist relevant für den Zweck, aus welchem wieder die Funktion abgeleitet wird. Je nach Funktion wird dann das Bewertungsverfahren ausgewählt, welches schlussendlich für den Unternehmenswert verantwortlich ist. Der Unternehmenswert ist jedoch nicht gleich der Unternehmenspreis!

  • 30. Januar 2013 bei 15:29

    Sehr schöner Artikel. Vielen Dank für das Zitat aus unserer Studie. Wichtig wäre es noch die Quelle zu nennen: http://www.ikosom.de/publikationen

    Danke und viele Grüße

    Karsten Wenzlaff
    Geschäftsführer Institut für Kommunikation in sozialen Medien

    PS Auch die anderen Kollegen sollten doch wenigstens verlinkt werden, das ist unter Bloggern eigentlich so üblich 😉

    • Zi
      Zi
      31. Januar 2013 bei 14:03

      Hallo Herr Wenzlaff,

      Recht haben Sie. Die Verlinkungen habe ich soeben ergänzt.

      Grüße

      Wibke Ziegler

  • 23. März 2014 bei 23:40

    Ein wirklich guter Artikel.

    Ich werde mir erlauben den auf meinem Blog unter http://evisionpress.com zu verlinken.

    Crowdinvesting bietet in der Tat Möglichkeiten und öffnet Türen, wo für viele auch bestehende Unternehmen die Tür vorher wirklich zu war.

    Ich bin der Meinung, dass 2014 wirklich spanend werden wird, was die Entwicklung von Crowdinvesting in Deutschland angeht.

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