Kann Innovationsfähigkeit erlernt werden? – Crowdsourcing und Crowdfunding erreicht die Hörsäle

Veröffentlicht von Thomas Hochfeld / 4. Mai 2013 / , , , / 0 Kommentare

„Die Innovationsfähigkeit und Kreativität der deutschen Unternehmen hat wesentlich dazu beigetragen, dass Deutschland der europäischen Wirtschaftskrise trotzen konnte. [Innovation und Forschung] sind die Grundlage für Wohlstand und Wachstum in diesem Land“, sagte Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung im Rahmen der Preisverleihung des Innovationspreises der deutschen Wirtschaft 2012/2013. Wenn Innovationsfähigkeit so wichtig ist, stellt sich die Frage, ob und wie diese erlernt werden kann.

Innovative Praktiken können nur schwer in Hörsälen gelehrt werden, da es dort keinerlei Interaktion mit der realen Welt gibt. Einen Schritt weiter gehen immerhin die Projekt-basierten Lernansätzen. Bei diesen ist zwar kreatives Denken und unternehmerisches Handeln sowie die Bereitschaft zu interdisziplinärer Teamarbeit erforderlich, jedoch bekommen die Studenten hier auch nur ein Feedback von den beteiligten Personen an der Hochschule und von den Ansprechpartnern in den Unternehmen. Bei den Lehrmethoden besteht somit ein Bedarf an Techniken, die authentische Verbraucher-Meinungen und realistische Marktgegebenheiten erfassen. Können Online-Crowds (Menge der anonymen Internet-Nutzer) dieses Bedürfnis erfüllen?

Im Rahmen einer Pilotstudie wurde an der Carnegie Mellon University, Pittsburgh und der Northwestern University, Chicago Interaktionen mit der Crowd in den vier Kernphasen eines Innovationsprozesses untersucht.

Die in jeder Phase von den Studenten anzuwendenden crowd-basierten Aktivitäten wurden vom Lehrpersonal vorgegeben. Die folgende Tabelle gibt einen schnellen Überblick der Ziele und der angewandten Aktivitäten in den einzelnen Kernphasen, die im Anschluss detaillierter erläutert werden.

Kernphasen

Ziel der Kernphase

anzuwendende crowd-basierte Technik

Needfinding

Bedürfnisermittlung; was wird am Markt tatsächlich gebraucht?

Fachblogs, Twitter und Facebook

Ideating

Ideenfindung; welche neuartigen und nützlichen Lösungen gibt es für eine bestimmte Problemstellung?

Amazon Mechanical Turk

Testing

welche Lösungen finden beim Verbraucher Anklang?

MindSwarms and Amazon Mechanical Turk

Pitching

wie präsentiere ich mein Vorhaben optimal auf einer Crowdfunding-Plattform, damit das Vorhaben finanziert wird?

IndieGoGo und Kickstarter

Needfinding

In dieser Phase helfen Online-Crowds den Studenten, ein tieferes Verständnis über den tatsächlichen Bedarf am Markt zu bekommen. Denn die Crowds beinhalten Menschen verschiedener Herkunft, Kulturen, Sprachen, Alter, Bildung u.s.w. und unterliegen somit ganz unterschiedlichen Einflüssen. Durch diese können eine eventuelle Voreingenommenheit und vorzeitige Trugschlüsse vermieden werden. Aus der Fülle von Daten sollten die Studenten diejenigen Aussagen extrahieren, die die Basis für die Lösungsfindung in der nächsten Phase bilden. Dazu beschäftigten sich die Studenten zuerst mit der Theorie, um dann in einer Hausaufgabe drei persönliche Interviews zu führen. Zu diesen Interviews sollten sie in Foren, die sich mit der Problemstellung beschäftigen, mindestens 50 Kommentare oder Blogeinträge bekommen. Das hatte zur Folge, dass die Studenten ihre vorläufigen Erkenntnisse mit den anderen Teams teilten und diese zusammen analysierten.

Ideating

In der zweiten Phase sollten die Studenten neuartige und nützliche Lösungen finden. Die oft angewandte Technik des Brainstormings kann große Mengen von Lösungen hervor bringen. Gerade Online Crowds haben aufgrund ihrer unterschiedlichen Einflüsse das Potenzial, zu einer deutlichen Erhöhung der Lösungsansätze beizutragen. Das funktioniert jedoch nur, wenn die Crowd die Problemstellung sowie inhaltliche Beschränkungen versteht. Die Ideen bestätigen entweder die Ansätze der Studenten oder erweitern diese und wirken zudem beschleunigend. Die Studenten wurden angewiesen, 50 eigene Lösungsvorschläge zu erarbeiten und anschließend bei Amazons Mechanical Turk von 40 Crowd Workern jeweils fünf Ideen in Auftrag zu geben, so dass über diesen Weg mindestens 200 Ideen eingehen sollten. Im Anschluss verdichteten die Studenten die verschiedenen Ideen zu sechs möglichen Lösungen, die in der nächsten Phase zu testen waren.

Testing

Wenn verschiedene Lösungsansätze auf ihre Akzeptanz getestet werden, erhalten die Studenten weiteres wertvolles Feedback von Anwendern, Kollegen und Fachleuten. Durch das konkrete Herstellen von Prototypen (z. B. das Layout einer Website) entsteht neues Wissen, denn in diesem Prozess werden Unsicherheiten erörtert, Bewertungen vorgenommen und Alternativen ausgewählt. Online-Crowds können durch ihr Feedback in dieser Phase gestaltend einwirken und die Studenten haben einen Mehrwert durch schnelle und authentische Rückmeldungen außerhalb des Lehrpersonals und der Kommilitonen. Um Feedback von der Crowd zu bekommen, wurde in dieser Phase die Techniken „Speed-Dating“ und A-B-Testing vorgegeben. Bei der erstgenannten Technik wurde ein Service namens MindSwarms genutzt, bei dem Anwender eine Minute lang Fragen beantworten und diese mittels Webcam aufnehmen. Jede der sechs ausgewählten Lösungsansätze erhielt auf diese Weise 28 Video-Clips. Bei der Anwendung des A-B-Testings entwickelten die Studenten zu jedem der sechs Lösungsansätze zwei Alternativen, von denen sie wissen wollten, welche besser angenommen wird. Dazu stellten sie ihre Alternativen online, installierten Google Analytics um die Interaktionen messen und analysieren zu können und führten Umfragen durch, um qualitative Antworten zu bekommen. Zudem wurden noch 30 Crowd Worker bei Amazons Mechanical Turk befragt.

Pitching

In den vorangegangen Phasen haben die Studenten gelernt, Problemstellungen zu definieren, Lösungsvorschläge zu erarbeiten und diese zu testen. Sie sammelten Erfahrungen in der Kommunikation innerhalb der Hochschule aber vor allem auch mit Anwendern aus der realen Welt. Jetzt galt es die ausgewählten Lösungen/Produkte einem authentischen Publikum vorzustellen. Nach der theoretischen Einführung in Crowdfunding, Frühphasen-Finanzierung und grundlegenden Komponenten einer Crowdfunding Kampagne erstellten die Studenten-Teams entweder eine IndieGoGo oder eine Kickstarter Kampagne. Dazu gehörten eine ausführliche Projektbeschreibung nebst Video und die Generierung von Dankeschöns zur Veröffentlichung auf der Plattform sowie kürzere Projektbeschreibungen, um verschiedene soziale Medien (z. B. Facebook, Twitter u.s.w.) zu bedienen.

Erkenntnisse

Die nach Beendigung der letzten Phase durchgeführte 30-minütige Online-Umfrage sollte zum einen klären, wie Studenten den Einfluss der Crowd im Innovationsprozess empfanden und zum anderen ob die Interaktion mit der Crowd die entstandenen Lösungen beeinflusste, und falls ja, wie.

In den frühen Phasen des Innovationsprozesses war die Einbeziehung der Crowd sehr hilfreich, um die unterschiedlichen Bedürfnisse in Bezug auf die Problemstellung zu ermitteln. Im weiteren Verlauf in den Phasen Ideating und Testing begeisterte zwar die Leichtigkeit, mit der eine Vielzahl von Online-Feedback einging, jedoch bestand Enttäuschung über die oftmals nur sehr geringe Qualität aufgrund des fehlenden Hintergrundwissens der Crowd. Die Crowdfunding Kampagnen selbst wurden im allgemeinen positiv bewertet. Schwierigkeiten entstanden dort, wo Studenten ihre Lösungen/Produkte über das Hochschulprojekt hinaus nicht weiter verfolgen wollten.

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass ein Einbeziehen von Online-Crowds den Innovationsprozess beeinflusst und dazu beiträgt den Innovationsprozess erlernbar zu machen. Doch bedarf es weiter Studien, um die Qualität des Feedbacks aus der Crowd qualitativ zu verbessern.

Anwendung in der Volksbank Bühl

Kürzlich haben wir unser Mitglieder Mehrwert Programm relauncht. Wie sind wir bei der Ideen-Generierung vorgegangen? Welche crowd-basierten Techniken haben wir angewandt? Das Needfinding fand bei uns nur intern statt. Auf unserer Enterprise 2.0 Plattform hatten alle Mitarbeiter die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge zu formulieren. Das Ideating durch Einbeziehen von Crowd Workern fand aufgrund der nur internen Bearbeitung also nicht statt. Das Testing erfolgte wiederum nur intern auf unserer Enterprise 2.0 Plattform in Form einer Favorisierung durch die Vergabe von Likes. Das Pitching erfolgt in Form der Präsentation der Neuerungen bei unserer Vertreterversammlung am 13.5.2013. Durch die nur interne Bearbeitung war unsere Crowd, die nur aus Mitarbeitern bestand, recht homogen und wir haben auf zahlreiche Einflüsse, die in einer deutlich größeren Crowd vorzufinden sind, verzichtet. Es wäre sicherlich spannend gewesen, welche Vorschläge daraus hätten entstehen können.

Kommentare

Keine Kommentare

Nachricht hinterlassen

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.