Disruptive Innovationen und das Innovations-Dilemma der Banken

Veröffentlicht von Franz Sebastian Welter / 12. Juni 2013 / , / 4 Kommentare

Von disruptiven Innovationen wird in der Finanzdienstleistungsbranche in den letzten Jahren sehr häufig gesprochen. Darunter versteht man Innovationen mit – im wahrsten Sinne des Wortes – zerstörerischem Charakter. Zum Beispiel für das eigene Geschäftsmodell. Aber welche disruptive Innovationen bedrohen das Geschäftsmodell der Banken? Und was ist eigentlich genau das Problem mit diesen disruptiven Innovationen?

Clayton Christensen (Professor Harvard Business School) wird häufig als einer der Vordenker genannt, der den Begriff der disruptiven Innovationen maßgeblich geprägt hat. In seinem  Buch „The Innovator´s Dilemma“  beschreibt Christensen das Konzept der disruptiven Innovationen und geht auf das Dilemma im Umgang mit diesen Innovationen ein. Aber bevor ich an dieser Stelle sein Buch mehrfach zitieren muss, um das Konzept der disruptiven Innovationen zu erklären, lassen wir ihn lieber selbst zu Wort kommen.

Eine disruptive Innovation ist also keine Innovation, die ein bestehendes Produkt einfach nur verbessert. Eine disruptive Innovation basiert häufig auf einer Technologie,…

… die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt. Disruptive Innovationen sind meist am unteren Ende des Marktes und in neuen Märkten zu finden. Die neuen Märkte entstehen für die etablierten Anbieter in der Regel unerwartet und sind für diese, besonders aufgrund ihres zunächst kleinen Volumens/ Kundensegmentes uninteressant. Sie können im Zeitverlauf ein starkes Wachstum aufweisen und vorhandene Märkte bzw. Produkte und Dienstleistungen komplett oder teilweise verdrängen. (Quelle: Wikipedia)

In der Geschäftswelt gibt es zahlreiche Beispiele, die deutlich machen, vor welchen Herausforderungen Unternehmen beim Umgang mit disruptiven Innovationen bestehen. Einige Beispiele wurden von Christensen im Video genannt. Ein häufig zitiertes Beispiel ist der Wettbewerb zwischen Kodak und Fuji. Kodak hatte im Wettbewerb gegen Fuji sogar die besseren Karten in der Hand. Beide Unternehmen haben den radikalen Wandel auf sich zukommen sehen, aber Kodak hat es nicht geschafft, sein bestehendes und hochprofitables Geschäftsmodell so radikal in Frage zu stellen, wie es vielleicht notwendig gewesen wäre (ein paar weitere Infos zu diesem Fall gibt es z.B. hier und hier).

Aber was sind denn nun potenzielle disruptive Innovationen für die Finanzdienstleistungsbranche? McKinsey hat in einer kürzlich veröffentlichten Studie 12 potenzielle disruptive Technologien untersucht und deren wirtschaftliche Auswirkungen geschätzt.

Bildschirmfoto 2013-06-11 um 22.58.19Quelle: McKinsey Global Institute

Und alleine die ersten beiden aufgeführten Technologien, das Mobile Internet und die Automatisierung von Wissensarbeit, haben es in Bezug auf mögliche Auswirkungen für die Finanzdienstleistungsbranche in sich. Beide Themen sind heute zwar schon in der Finanzwelt angekommen und Banken bemühen sich zumindest um Mobile Banking Services oder z.B. Selbstberatungstools bzw. Do-it-yoruself-Banking-Tools im Internet. Viele dieser Angebote kommen aber von Start-Ups oder von Non- und Near-Banks und nicht von den Banken selbst. Warum eigentlich? Vielleicht weil es schmerzt, das eigene Geschäftsmodell radikal in Frage zu stellen?

Insbesondere die Automatisierung von Wissensarbeit dürfte die Finanzdienstleistungsbrache in den nächsten 10-20 Jahre noch vor einige Herausforderungen stellen. Andrew McAfee hat einen spannenden Vortrag zur Automatisierung von Wissensarbeit gehalten. Er geht darauf ein, warum uns nach der „Revolution der Muskelarbeit“ (industrielle Revolution) die „Revolution der Wissensarbeit“ bevorsteht.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen, Trends und neuen Technologien forderte Gunter Dueck vor kurzem in unserem Blog, dass sich Banken neu erfinden müssten. Die spannenden Fragen werden sein:

  • Wie groß ist das disruptive Potenzial hinter den Trends Mobiles Internet und Auotmatisierung von Wissensarbeit wirklich?
  • Stellen die betroffenen Akteure in diesem Kontext ihre bestehenden Geschäftsmodelle radikal genug in Frage?
  • Richten Banken vor dem Hintergrund der Finanzkrise, neuen regulatorischen Anforderungen (SEPA, Basel III usw.)  und schwierigen Wettbewerbsbedingungen überhaupt ihren Fokus darauf, diese Trends zu identifizieren und haben sie die Kultur sowie die Ressourcen, um entsprechend reagieren zu können?

Kommentare

4 Kommentare

  • 12. Juni 2013 bei 22:50

    Hallo Herr Welter,

    besten Dank für den spanenden Bericht. In der Tat scheinen die neuen technischen Möglichkeiten auch in Bereiche hinzuragen, von denen man glaubte, dass Menschen die am besten machen könnte: Manager, Ärzte, sogar Journalisten. In all diesen Bereichen gibt es mehr und mehr technische Unterstützung zu den Fragen, wie richtig entschieden werden soll. Im Bereich Medizin können so zum Beispiele evidenzbasiert die besten Therapien genommen werden. Die Quelle dazu ist aber nicht der Mensch, sondern eine gewaltige Datenbank und intelligente Algorithmen. Im Finanzbereich hat mit dem sog. Hochfrequenzhandel ja längst die Maschine den Menschen verdrängt.

    Mehr zu dem Thema gibt es auch auf:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-93419387.html

    Freundliche Grüße,

    Carsten Rhinow

  • Vielschichtiges Thema, ich arbeite gerade an einer jeweils vierteiligen Serie, was macht Banken innovativ? dito für Unternehmen? Mehr dazu bald ausführlich – Ich glaube erst einmal, jeder muss ganz für sich persönlich im Leben entscheiden, sitzt man bequem in der Mitte des Zuges, wo es aber etwas langweilig ist. Hinten wird man abgehängt und vorne weht einem ein rauer Wind ins Gesicht. Aber es ist auch der wind of change. Soweit etwas philosophisch.
    Ich bin kommende Woche auf einem Co-Kreation-Workshop, wo es um Bankeninnovation geht, ob und wie das klappt, ist natürlich offen. Aber es ist mehr als einen Versuch wert, wir benötigen spannende Experimente. Auch bei den Genobanken. Denn ich glaube, wir gehen tatsächlich in Richtung offenere Innovationsnetzwerke, auch jenseits der üblichen Strukturen. Siehe meine aktuelle Kolumne Stromzähler im WSJ:
    http://www.wallstreetjournal.de/article/SB10001424127887324188604578543091033497884.html
    Reden wir aber nicht um den heißen Brei rum: Goliath ändert sich erst, wenn er muss, wenn der Druck groß genug ist. Und wenn viele kleine Davids ihn dazu zwingen. Da bringen so gesehen auch die Managementtheoretiker wie Christensen nicht weiter, weil ihnen das tiefere Verständnis für den sozio-ökonomischen Wandel fehlt. Aber wie ich bald aufzeigen werde, nach der Rationalisierungs- und Regulierungsarie folgt bei den Banken die Innovationsagenda.

    Persönlich braucht man aber als aktiver Mitgestalter neuer Bankenmodelle vom Kunden, der Gesellschaft und der Nachhaltigkeit her gedacht, einen langen Atem, sonst läuft man der Entwicklung zu weit voraus, und plötzlich schaut man zurück und keiner ist mehr hinter einem.
    Insofern also, das Glas ist halb voll und nicht leer.

  • fsw
    fsw
    21. Juni 2013 bei 11:38

    Vielen Dank für Ihre Kommentare. Dirk Elsner hat zu diesem Thema auch einen spannenden Artikel im Wall Street Jorunal veröffentlicht.
    http://www.wallstreetjournal.de/article/SB10001424127887324577904578558721798881516.html

    Viele Grüße
    Franz Welter

  • Einige Gedanken hierzu – wie Herr Lochmaier bereits schrieb, ist das ein vielschichtiges Thema:

    + Warum haben Banken keine Forschungs- und Entwicklungsabteilungen analog anderer Branchen? Vermutlich, weil sie nicht die Notwendigkeit sehen, systemisch zu innovieren. Vielmehr werden Produkte immer komplexer ausgestaltet, um Differenzierungsmerkmale in einem „Red Ocean“ zu kreieren. Das macht es aus Kundensicht oftmals schwierig, Produkte zu verstehen und damit verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

    + Bisher war es aus Sicht der Banken auch gar nicht notwendig, das Geschäftsmodell zu hinterfragen, da für den Betrieb einer Bank viel Kapital notwendig ist, das wenn Autohersteller hatten (was dann auch zu Automobilbanken geführt hat, die in Sachen Autofinanzierung den etablierten Banken eine Menge Geschäft genommen haben). Mit der Etablierung grundlegend anderer Wirkungsmechanismen (z.B. Peer-To-Peer) müssen sich Banken mit diesen Wirkungsmechanismen auseinandersetzen und traditionelle Geschäftsmodelle adjustieren. Das ist aber noch nicht überall angekommen.

    + Disruptive Technologien sind die eine Sache – ja, das Internet und Smartphones haben Auswirkungen auf das Daily Banking Geschäft, aber ein hoher Automatisierungsgrad im Zahlungsverkehr war von Bankseite ja immer gewünscht. Allerdings gehen damit auch Kundenkontakte und damit Ansprachepotentiale verloren, insbesondere dann, wenn bisherige Instrumente wie Brief oder Call-Center nicht mehr wirklich funktionieren. Der Einsatz von diesen Technologien führt aber vielleicht auch zu „Disruptiven Services“, die eine solche Dienstleistung in der Interaktion in der Filiale obsolet machen. Überhaupt ist das Thema Service eines, mit welchem sich Banken differenzieren könnten.

    ERGO: Es gibt eine Menge Baustellen, die durch die digitale Transformation emporkommen und die seitens Banken noch nicht ganzheitlich durchdacht worden sind.

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