Beleuchtet: Fördert Crowdfunding die genossenschaflichen Prinzipien & Werte?

Veröffentlicht von Frank Gutknecht / 23. September 2013 / / 0 Kommentare

Mit dem Ergebnis des Crowdfunding-Projekts www.viele-schaffen-mehr.de sind wir sehr zufrieden: Dennoch stellt sich die Frage, ob eine solche Plattform die genossenschaftlichen Prinzipien & Werte fördert? Was hätte wohl Herman Schulze-Delizsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen dazu gesagt?!

Freiwilligkeit

Das genossenschaftliche Prinzip der Freiwilligkeit war bei der Teilnahme auf der Plattform gegeben. Kein potenzieller Spender war verpflichtet auf der Plattform mitzumachen. Auch Nicht-Kunden und Nicht-Mitglieder konnten als Investoren auftreten und Projekte in ihrem Geschäftsgebiet fördern. Projekte mussten zwar aufgrund des „Regionalprinzips“ aus dem Geschäftsgebiet der Volksbank Bühl stammen , jedoch konnten sich private Investoren von überall (freiwillig) beteiligen.

Das Prinzip der Freiwilligkeit wurde auch durch die Tatsache gefördert, dass die Höhe der Spende nicht von Bedeutung war um teilzunehmen. Jeder Geldbetrag konnte nach Ermessen des Investors gespendet werden. So konnten verschiedene soziale Schichten monetär für eine Idee einstehen- oder auch nur in Form einer virtuellen Stimmabgabe (= Fan des Projekts werden). Gleichzeitig, wie in den genossenschaftlichen Statuten verankert, änderte die Höhe des Kapitaleinsatzes auch nichts am Einfluss des Kapitalgebers. Alle Spender wurden gleich behandelt und konnten in gleicher Weise am gleichen sozialen oder kulturellen Projekterfolg teilhaben (Mit Ausnahme von der Höhe der Spende, welche an die ideelle Prämie gekoppelt war). Hier findet sich der ethische Ausdruck der Gleichbehandlung wieder: Auch der wirtschaftlich Schwächere kann ebenso am Erfolg der Realisierung des Projekts teilhaben.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die propagierte Idee der Hilfe zur Selbsthilfe wurde in dem Maße gefördert, dass unter den Vereinen, Bürgern, Interessensvertretungen oder zusammengefasst den Projektinitiatoren darunter auch wirtschaftlich Schwächere fallen konnten bzw. solche die einen Geldbedarf hatten. Ferner werden/wurden keine staatliche Hilfen benötigt.

Gemeinsamkeit

Des Weiteren förderte die Plattform die genossenschaftlichen Ideen insofern, dass nicht Projekte mit den höchsten Ertragschancen gefördert wurden, sondern solche die aus subjektiver Sicht des Unterstützers den größten Nutzen hatten. So wurde dem in §1 Genossenschaftsgesetz geregelten Zweck der Genossenschaft durch die Crowdfunding-Plattform nachgekommen: „Den Erwerb oder die Wirtschaft ihrer Mitglieder oder deren soziale oder kulturelle Belange durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern“ (Geschwandtner und Helios 2006, S. 24). Ein Hauptaugenmerk ist dabei die Gemeinsamkeit. Auf viele-schaffen-mehr.de wurden soziale und kulturelle Aspekte berücksichtigt und nicht Projekte mit den größten Renditechancen. Der Aspekt der Gemeinsamkeit findet sich in dem gemeinsam Sammeln von Geld und dem gemeinsamen Einstehen für eine Idee wieder. Durch die provisionsfreie Vermittlung der Projekte auf der Plattform trug die Volksbank Bühl zusätzlich dazu bei, dass die gesamte Spendensumme umfänglich für den Erfolg der Idee umgesetzt wurde und dort auch ankommt.

Selbstverantwortung und Selbstverwaltung

Schwierigkeiten hätte es für Vereine und gemeinnützige Institutionen bei der technischen Umsetzung geben können. Die Projekte konnten nur über die webbasierte Plattform eingestellt werden. Auch die Betreuung und die Versorgung mit Informationen vollzog sich über diese Plattform. Die Volksbank Bühl half deshalb jedem Projektinitiator in Form von Infoveranstaltungen, Checklisten sowie persönlichen Ansprechpartnern. Jedoch war es wichtig, dass diese Projektgründer selbst tätig wurden, eigenverantwortlich ihr Projekt nach vorne brachten und andere von ihrer Idee begeisterten. Die Volksbank Bühl betrieb damit das genossenschaftliche Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe, indem sie die Projektinitiatoren soweit wie möglich dabei untersützte, ihre soziale oder kulturelle Idee selbst umzusetzen. Die Projektinitiatoren waren selbst für das Gelingen der Idee verantwortlich. So wurden genossenschaftliche Prinzipien wie Selbstverantwortung und Selbstverwaltung gefördert.

Die Tatsache, dass die Volksbank Bühl pro Spende (egal in welcher Höhe) fünf Euro (später zehn Euro) zusätzlich spendete und dabei auch bei Nicht-Realisierung des Projekts auf die Rückzahlung verzichtete, könnte förderlich für die Bereitschaft zur Teilnahme gewesen sein. Gleichzeitig half es den Projektinitiatoren, auf anfallenden Kosten, wie zum Beispiel für einen Videodreh oder für Werbung, nicht sitzen zu bleiben.

Gleichstellung bzw. Gleichberechtigung

Das Prämien-Prinzip des Crowdfunding, welches besagt, dass vorab definierte Prämien für die Kapitalgeber je nach Höhe des Finanzierungsbetrages ausgeschüttet werden, kam zum Tragen. Dieses Prinzip schließt den genossenschaftlichen Grundsatz nicht aus, in dem alle Mitglieder trotz unterschiedlicher Höhe des Kapitaleinsatzes gleichgestellt sind. Vielmehr ist es auch bei der Genossenschaft so, dass nach der Höhe des Kapitaleinsatzes Gewinne verteilt werden. Zudem handelt es sich um soziale und kulturelle Projekte, bei denen die Kapitalgeber bzw. Spender direkt oder indirekt vom Projekterfolg profitieren. Zusätzlich können ideele Prämien, wie zum Beispiel die Einladung in ein VIP-Zelt bei Eröffnung, ein „Museum-Dankeschön“, der Name auf einem Spielfeld, den DRK-Rettungswagen besichtigen, ein gemaltes Kinderbild von einem Bauwagen, die Gemeinsamkeit und Partnerschaftlichkeit fördern.

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Fazit

Die Implementierung der Plattform ist ein historisches Ereignis für Genossenschaftsbanken, da zum ersten Mal das genossenschaftliche Prinzip „was einer nicht schafft, das schaffen viele“ digitalisiert wurde.

Viele Menschen haben gute Ideen, wie sie das Leben für sich und andere noch besser gestalten können. Was oft fehlt, sind die nötigen finanziellen Mittel, um diese Pläne zu verwirklichen. Durch die Plattform wurden soziale Aspekte sowie Werte, die als ethisch anzusehen sind, in den Vordergrund gestellt. Viele-schaffen-mehr.de trug zudem dazu bei, dass gesellschaftlich und sozial verantwortliches Handeln kommunikativ in die Öffentlichkeit gerückt wurde. Über soziale Medien multiplizierte sich die Verbreitung und es konnten virale Effekte entstehen.

Crowdfunding kann innerhalb einer bunt gemischten Gemeinschaft ethische und genossenschaftliche Werte gemeinsam mit Prinzipien des Web 2.0 verknüpfen; Partizipation, dialogbasierte Kommunikation sowie das Füreinander Einstehen im Sinne einer gemeinsamen Idee wird so gefördert. 

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