Banking 2020: Wird jede Bank zum Billigproduzent?

Veröffentlicht von Meike Boj / 25. März 2014 / , / 0 Kommentare

Enorme Kräfte verändern die Retailbankingbranche und erzwingen so beinahe die Notwendigkeit für Veränderungen. Banken müssen wählen, welche Haltung sie dabei übernehmen wollen: Wollen sie der Treiber der Veränderung sein, ihr nur schnell folgen oder nur im hier und jetzt leben? Die jüngst veröffentlichte Studie der Beratungsgesellschaft PwC beleuchtet das Banking in 2020:

PWC trifft in seiner Studie einige Vorhersagen für das Retailbanking 2020. Diese Annahmen haben bei mir folgende Gedanken ausgelöst:

2020 steht der Kunde im Mittelpunkt des Bankings und nicht Produkte oder Vertriebskanäle

Das Kundenbeziehungsmanagement ist aus meiner Sicht unerlässlich für den Aufbau und die Pflege einer loyalen Kunde-Bank-Beziehung. Um dieses Ziel zu erreichen müssen so viele Informationen wie möglich über den Kunden bekannt sein, um daraus den richtigen Service für ihn ableiten zu können. Desweiteren müssen die unterschiedlichen Kundentypen, deren Verhalten und Ziele verstanden werden und darauf aufbauende und passende Kundensegmentierungen erfolgen. Darüber hinaus muss die Kunde-Bank-Beziehung im passenden Kanal gemanaged werden. Nur die effektiven und effizienten Kanäle, die der Kunde bevorzugt, machen sein Bankingerlebnis einzigartig und nachhaltig

2020 wird jede Bank eine Direktbank sein. Das Konzept Filiale wird sich drastisch verändern

Ja, es stimmt: Direktbanken sind heute fester Bestandteil der Bankenbranche, nicht nur hier in Deutschland, auch weltweit. Dennoch sind die Zeiten nicht mehr so rosig, wie sie es zu Beginn dieses Jahrtausends für sie waren. Die anhaltende Niedrigzinsphase macht es den Direktbanken zunehmend schwerer, Kunden überhaupt zu einem Wechsel zu bewegen. Gleichzeitig ist der Ertragsdruck auch bei den Direktbanken angekommen. Viele von ihnen haben in der letzten Zeit Guthabenzinsen für Bestandskunden merklich gesenkt.
In punkto Vertrauen und persönliche Beratung vor Ort sind Filialbanken klar im Vorteil. Trotzdem ist auch hier der klare Trend seit einigen Jahren zu erkennen: Immer mehr Filialen werden geschlossen, Standorte, Konzepte und Öffnungszeiten werden überdacht und angepasst. Über einige Beispiele berichtete ich bereits hier in unserem Blog . Abschließend sind meiner Meinung nach ausschließlich Direktbanken aus meiner Sicht nicht realistisch. Dass sich gleichzeitig Filialkonzepte verändern werden ist allerdings zwingend notwendig und bereits zu beobachten.

2020 werden Banken nur noch als Billigproduzenten agieren, indem fast jedes Produkt auf eigener Basis profitabel ist

Meine Meinung hierzu ist strikt: Banken werden niemals als reine Billigproduzenten agieren. Es gibt immer die Wahl -wie in jeder anderen Branche auch- im Wettbewerb verschiedene Positionen einzunehmen, wie M. Porter mit seinen drei „generischen Strategien“ (Differenzierungsführerschaft, kostenbasierte Führerschaft und Nischenführerschaft) beweist.
Banken stehen zudem vor einer ganz anderen Herausforderung, welche aus meiner Sicht im Wettbewerb entscheidend sein wird: Die Verlagerung eines produktorientierten Ansatzes hin zu einem kundenzentrierten Geschäftsmodell. In anderen Worten: in der Zukunft wird die Ertragslage des Kunden im Vordergrund stehen, während demgegenüber Messgrößen wie Überschüsse oder Rohertrag im Kundengeschäft eine Reihe zurücktreten.

2020 wird die Kundenreichweite nicht mehr von Filialnetzen bestimmt, sondern von Banklizenzen, Technologieinvestments und Werbebudgets

Nehmen wir doch einmal nur Unternehmen wie Moven, Simple, KNAB, Holvi oder Fidor. Genau sie belegen aus meiner Sicht heute schon eben diese Theorie. Dennoch gibt es auch solche Beispiele wie Coin, die über Nacht zum Liebling der Technologiepresse wurde und ganz ohne Banklizenz oder fettem Werbebudget eine Reichweiter erzielte, die kein Geld der Welt hätte kaufen können.

2020 werden Smartphones ebenbürtig ihren Platz neben Karten als primäres Zahlungsmedium einnehmen

Jepp, das belegen auch zahlreiche Studien. Diverse Unternehmen wie Simple, Coin oder ValYou zeigen anschaulich, wie das in ihrem Umfeld bereits funktioniert. Ich habe überhaupt keine Zweifel daran, dass diese Aussage eintreffen wird.

2020 wird Biometrie (z. B. Fingerabdrücke, Spracherkennung, etc.) ein alltäglicher Bestandteil von Transaktionsautorisierung sein

Den Begriff des „Homo Biometricus“ prägte DB Research in ihrer Studie „Der vermessene Mensch – Biometrische Erkennungsverfahren und mobile Internetdienste“ bereits in 2009. Fakt ist, dass biometrische Erkennungsverfahren wie Fingerabdruck oder Gesichtserkennung heutzutage täglich von Millionen Menschen genutzt werden. Das branchenübergreifende Einsatzpotenzial steigt mit zunehmender Dynamik des digitalen bzw. mobilen Wandels. Mein Kollege Thomas Hochfeld berichtete ebenfalls in seinem Blogartikel „Blackbox Mensch“ über den Einsatz von Implantaten beim Banking. Zum Thema Biometrie schließe mich seiner Meinung an: „Inwieweit es realistisch ist, dass die Menschen in naher Zukunft dafür bereit sein werden, lässt sich heute noch nicht seriös abschätzen. Jedoch geben die Menschen in den letzten Jahren im Internet immer mehr von sich preis und die Bereitschaft dazu steigt trotz Warnungen der Datenschützer stetig weiter, so dass das Szenario nicht einfach als Science-Fiction abgetan werden kann.“

2020 kehrt das Kundenvertrauen zurück

Die diesjährigen Corporate Banking-Umfrage von Ernst&Young unterstreicht diese Aussage: Nach dem starken Einbruch der letzten Jahre kehrt die Zuversicht in die globale Bankenindustrie zurück. Die Befragung zeigt aber auch, dass Banken zwar gute traditionelle Bankendienstleistungen erbringen, aus Sicht der Kunden jedoch den wichtigen Aspekten der Kundenorientierung nicht gerecht werden und gegenüber dem Wettbewerb neuer Bankendienstleister zunehmend anfällig sind. Für meinem Dafürhalten stehen die Banken der zugegeben enormen Herausforderung gegenüber, die heterogenen Grundbedürfnisse ihrer unterschiedlichen Kunden zu erfüllen, darüber hinaus ein solider sowie nachhaltiger Partner zu sein, der mit seinen Produkten und Services den Kunden hilft, ihr Geld zu managen. Wenn dies alles erfüllt wird, bin ich mir sicher, dass das Kundenvertrauen auch schon vor 2020 wieder zurückkehrt.

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