Crowdinvesting – eine alternative Anlagemöglichkeit für Kreditinstitute?

Veröffentlicht von Wibke Ziegler / 13. Juli 2015 / / 0 Kommentare

Meine Studienkollegin Katrin Hauser hat sich in ihrer Master-Thesis mit der Frage beschäftigt, ob der Crowdinvesting Markt in Deutschland eine alternative Anlagemöglichkeit für Kreditinstitute werden kann. Über die Vorgehensweise zur Klärung dieser Frage und die Ergebnisse berichtet sie uns im folgenden Interview.

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1.) Hallo Katrin, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, um mir ein paar Fragen zu deiner Master-Thesis zu beantworten. Was hat dich bewogen, dieses Thema zu wählen?
Mich treibt vor allem die Innovationsfähigkeit und -bereitschaft in Deutschland um, die durch verschiedenste Initiativen, sei es aus der Privatwirtschaft oder seitens der Regierung, mehr und mehr gefördert werden. Ich finde es spannend, wie und wodurch sich unser Umfeld weiterentwickelt und neu erfindet. Da ich mich im Studium an der Steinbeis Hochschule Berlin auf den Bereich Finance spezialisiert habe, interessiere ich mich sehr für die Finanzierung dieser Innovationen. Gerade der erst seit 2011 entstehende Crowdinvesting Markt weckte mein Interesse – und da dieser seit Gründung extrem stark gewachsen ist (bis Ende 2014), war meine Frage, ob nicht kapitalstarke Investoren wie Institutionelle Kapitalgeber (oder Kreditinstitute im Speziellen) auch ein Interesse an Innovationsfinanzierung über den Crowdinvesting Markt haben.

2.) Wie bist du zur Beantwortung der Ausgangsfrage (Kann der Crowdinvesting Markt in Deutschland eine alternative Anlagemöglichkeit für Kreditinstitute werden?) vorgegangen?
Der Crowdinvesting Markt ist ein Sub-Markt des Crowdfunding Marktes mit dem Ziel, eine angemessene Rendite für das investierte Kapital zu erwirtschaften. Nach Erläuterung des Crowdinvesting Marktes habe ich ähnliche Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung, wie u. a. Venture Capital oder Private Equity, die letztendlich im Wettbewerb zum Crowdinvesting Markt stehen (könnten), abgegrenzt. Anschließend habe ich die potentielle Größe des Crowdinvesting Marktes abgeleitet und die im Fokus stehende Investorengruppe betrachtet. Um mich der Beantwortung der Ausgangsfrage zu nähern, habe ich mittels einer qualitativen Umfrage die etwaigen Motivationsfaktoren für eine institutionelle Beteiligung am Crowdinvesting Markt erarbeitet sowie die Anforderungen und die sich daraus ergebenden Herausforderungen beleuchtet. Die Umfrage erfolgte in Form von sogenannten Tiefeninterviews, in denen durch offene Fragen die Ansichten und Meinungen der Interviewpartner abgefragt wurden.

3.) Mit wie viel Interviewpartnern aus welchen Sparten konntest du Interviews führen?
In den Tiefeninterviews habe ich mit Vertretern von fünf Banken (Kapitalanlagespezialisten, Vorständen) gesprochen und ihre Ansichten zu einer Marktbeteiligung ausgewertet. Über die gesamte Zeit der Thesis habe ich mich mit Investoren, aber auch Betreibern von Plattformen unterhalten, um möglichst viele Informationen und Erkenntnisse zum Markt zu erhalten.

4.) Welche Größe konntest du für einen potentiellen Crowdinvesting Markt ermitteln und welche Investorengruppen hast du untersucht?
Um sich dem potentiellen Marktwachstum des Crowdinvesting Marktes zu nähern, kann man alle Beteiligungsmärkte in Deutschland (Business Angels-, Venture Capital- und Private Equity-Markt) heranziehen, da diese ähnliche Zielunternehmen fokussieren respektive eine ähnliche Marktstruktur aufweisen. Der offizielle Gesamtmarkt hat ein Volumen von ca. 40,2 Mrd. Euro. Der inoffizielle Markt (der v.a. Business Angels oder Corporate Venture Capital betrifft) kann wesentlich größer sein. Hinzu könnte man den in 2013 239 Mrd. Euro umfassenden (Banken-) Kreditmarkt für kleine und mittelständische Unternehmen heranziehen. Der Crowdinvesting Markt verwaltete zum Zeitpunkt der Master Thesis (Ende 2014) ca. 32 Mio. Euro und hat somit noch erhebliches Potential.
Die Thesis richtete den Fokus auf die Investorengruppe der institutionellen Investoren, im Speziellen auf Kreditinstitute. Diese haben hohe aufsichtsrechtliche Anforderungen wie eine adäquate Liquiditäts- und Eigenkapitalsteuerung sowie strenge Anforderungen an die Risikosteuerung der Kapitalanlagen zur Gewährleistung einer ausreichenden Risikotragfähigkeit der Bank. Diese waren während der Ausarbeitung der Master Thesis durchgehend zu berücksichtigen.

5.) Welche Chancen können sich für den Crowdinvesting Markt durch eine Beteiligung von Kreditinstituten als institutionelle Investoren ergeben?
Die größte Chance einer institutionellen Marktbeteiligung ist die Professionalisierung des Marktsegments für alle Marktteilnehmer – Crowd, Unternehmen, Plattform, aber natürlich auch Kreditinstitute.
Die Crowd könnte zunächst stark von dem Bestreben der Kreditinstitute nach einer Reduktion der vorvertraglichen Informationsasymmetrien zwischen den Unternehmen und Geldgebern profitieren, sodass alle Marktteilnehmer vor ihrer Investition eine informiert(er)e Entscheidung treffen können. Stiege ein Kreditinstitut in den Crowdinvesting Markt ein, hätte dies eine sehr positive Signalwirkung für die Crowd. Insgesamt würde das Vertrauen in das zu finanzierende Zielunternehmen, aber auch das Marktsegment insgesamt erhöht werden, was weitere Marktteilnehmer dazu bewegen könnte, in dieses Unternehmen zu investieren.
Neben diesen Vorteilen für die Marktstruktur können auch für Kreditinstitute Chancen aus der Beteiligung entstehen. Zum einen ergeben sich diese aus der Verzinsung des investierten Kapitals selbst. Zum anderen ergibt sich aus einem erfolgreichen Crowdinvestment ein höherer Bekanntheitsgrad des finanzierten Unternehmens, was sich positiv auf dessen Absatzerfolge auswirken kann und was sich für den Investor, der i. d. R. am Unternehmenserfolg beteiligt wird, durch seine höhere erfolgsabhängige Verzinsung auszahlt. Nicht zuletzt ist vorstellbar, dass Kreditinstitute über den Crowdinvesting Markt an Unternehmenskontakte gelangen, die ihnen ggf. Zugang zu weiteren Finanzierungen oder Folgegeschäfte bringen.

6.) Was hindert Kreditinstitute derzeit noch daran, eine Beteiligung am Crowdinvesting Markt einzugehen?
Die Zurückhaltung liegt vornehmlich an der Sicherheitsorientierung der Kreditinstitute bei der Kapitalanlage sowie an den (häufig auch aufsichtsrechtlich) notwendigen Risikosteuerungs- und -controllingprozessen. Um ihrer Sicherheitsorientierung nachzukommen, analysieren Kreditinstitute die jeweiligen Zielunternehmen zur Reduktion von Informationsasymmetrien. Die hierfür anfallenden Verwaltungsaufwendungen würden aktuell von Kreditinstituten sehr kritisch gesehen.
Aber auch die nachvertraglichen Unsicherheiten gegenüber dem finanzierten Unternehmen spielen eine sehr große Rolle. Da sich bislang keine Standardverträge am Markt etabliert haben, kann das Kreditinstitut nicht mit Nebenbedingungen (Covenants) rechnen. Solche Covenants regeln bspw. die hohe Qualität einer laufenden Berichterstattung seitens der Zielunternehmen. Alternativ können Covenants striktere Regeln definieren und Bedingungen an den Kreditnehmer formulieren, um die Geschäftsführung des Zielunternehmens zu disziplinieren und opportunistisches Verhalten, welches die Investition schädigen könnte, zu reduzieren.

7.) Trafen die Interviewpartner Aussagen, ob und ab welcher Größenordnung Investitonen in den Crowdinvesting Markt vorstellbar wären?
Aufgrund der aktuellen Größe des Crowdinvesting Marktes stellt der Crowdinvesting Markt noch keine alternative Kapitalanlagemöglichkeit für Depot A-Anlagen von Kreditinstituten dar. Allgemein kann man daher festhalten, dass entsprechende Losgrößen, die Kreditinstitute investieren würden, die derzeitige Aufnahmefähigkeit/ Größe des Marktes übersteigen.

8.) Konntest du Erkenntnisse darüber gewinnen, unter welchen Voraussetzungen die Investorengruppe der Kreditinstitute ein Investment in den Crowdinvesting Markt anstreben würde?
Die Gespräche mit den Interviewpartnern zeigten, dass der Crowdinvesting Markt zunächst zu professionalisieren ist, bevor eine Investition möglich wäre. Die „Professionalisierung“ betrifft dabei die Marktgröße sowie die Marktstabilität, aber auch die Beseitigung der genannten vor- und nachvertraglichen Informationsasymmetrien zwischen den Marktteilnehmern. Ob eine solche Professionalisierung im Interesse der derzeitigen Marktteilnehmer (Plattformen, Zielunternehmen und Privatinvestoren) ist, wurde in meiner Thesis nicht näher untersucht, wäre aber bestimmt interessant zu erheben.

Katrin, vielen Dank dass du dir die Zeit genommen und unsere Fragen beantwortet hast.

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