Diesen Beitrag möchte ich gerne mit einem Video von Prof. Dr. Peter Kruse starten. Der deutsche Psychologe verstarb leider im vergangenen Jahr, seine Gedanken und Worte inspirieren jedoch weiter. Es macht einfach Spaß, ihm zuzuhören und sein Wissens- und Erfahrungsschatz ist beeindruckend. An den Personalberater-Tagen im Jahr 2010 wurde er im Nachgang zu seinem Vortrag „Revolution 2.0“ interviewt und trifft spannende Aussagen zum Web 2.0.

Nehmen Sie sich die fast sechs Minuten Zeit und hören Sie das Interview zu Ende. Vielleicht sind Sie danach ebenso neugierig auf diesen Menschen wie ich. Stöbern Sie auf Youtube nach seinen Videos – es lohnt sich!

„Am Ende kriegen wir sie alle.“,

sagt Kruse in Bezug auf die unterschiedlichen Stakeholder, die sich ans Web 2.0 wagen. Sechs Jahre später habe ich tatsächlich allmählich den Eindruck, dass Social Media auch bei den Banken in der Breite angekommen ist. Und trotzdem gibt es noch viele, die nicht richtig an diese Revolution glauben,  finde ich. Menschen, die scheinbar noch glauben, Web 2.0 sei eine Modeerscheinung, und deshalb den Nutzen für ihr Unternehmen nicht richtig ernst nehmen. Dabei ist der Nutzen, den die Gesellschaft durch diese Möglichkeiten gewinnt, doch enorm, oder nicht? Warum soll es dann für Unternehmen anders sein? Auch Kruse spricht von einer hohen Nutzenrelation der Menschen in sozialen Netzwerken.

Der Nutzen entsteht schon alleine dadurch, dass Menschen sich vernetzen, sich untereinander zu Themen austauschen und selbst Inhalte erstellen. Nutzer sind nicht mehr nur bloße Konsumenten von Web-Content, sondern produzieren ihn selbst und partizipieren aktiv und öffentlich. Sie nutzen die Möglichkeiten, die das Internet bietet, intensiver und interaktiver als früher (Vgl. Holzapfel, F./Holzapfel, K.: 2012). Zudem befinden sich Unternehmen nicht mehr nur in Leistungs- und Preiskonkurrenz zueinander, sondern in vielen Branchen sind heute Kommunikations- und Akzeptanzwettbewerb vorherrschend. Da versteht es sich meiner Meinung nach von selbst, dass eine Online-Kommunikation über das Social Web unabdingbar ist.

Sehr spannend finde ich außerdem die Aussage von Dr. Peter Kruse, dass das Internet als ein Kulturraum bezeichnet werden könne. Bedient man sich einmal des Wiktionarys zum Begriff Kultur, ist Kultur die Gesamtheit des vom Menschen Geschaffenen und damit wesentlicher Teil seiner Lebenswelt. Nach Kruse arbeiten wir uns auch hier im Sinne der Maslow-Pyramide hoch zu sinnstiftenden Anteilen.

Kruse glaubt an eine positive Risiko-Nutzen-Relation für Unternehmen im Kulturraum Internet. Er geht sogar noch weiter und rät Unternehmen keine taktisch, strategische Idee zu verfolgen, sondern sich wie auf einer Party zu verhalten, sich unters Volk zu mischen und zuzuhören. Wichtig dabei: gleichberechtigter Dialog, Transparenz, Authentizität und Ehrlichkeit. Kruse führt an, dass sich Unternehmen darauf einlassen müssen, dass es unkalkulierbare, schwer zu greifende Dynamiken gebe, die wir nicht überschauen. Für ihn gehe es nicht darum, geordnet von A nach B zu kommen und Ziele zu erreichen, sondern Teil gesellschaftlicher Dynamik zu sein.

Jetzt sag das mal einem Banker… 😀

Das jedoch Beeindruckendste an seinem Interview finde ich seine Ausführung zur Intuition. Dass wir unsere Intuition manchmal verlieren, weil wir begründen müssen, was wir tun, also eine rationale Erklärung und eine Wirkungsbegründung vorbringen müssen. Dass jedoch nicht lineare rückgekoppelte Dynamiken ein Filtern nicht zulassen und es nur noch möglich sei, sich in der Dynamik zu bewegen und mitzuschwimmen. Seiner Meinung nach sei das für uns aber kein Nachteil.

Mein Fazit

Googelt man nach Social Media in Unternehmen, erhält man eine schier erschlagende Anzahl an Artikeln und Beiträgen. Auch zahlreiche Agenturen bieten ihre Social Media-Dienste für Unternehmen an. Und heute schreit alles nach einer Social Media-Strategie als grundlegende Voraussetzung. Zwar sind auch wir davon überzeugt, dass eine Strategie wichtig ist und Sinn macht. Vor allem muss diese sich auch an der Unternehmens- und Internetstrategie orientieren und nicht losgelöst davon existieren. Die Worte von Dr. Peter Kruse haben mich allerdings ins Grübeln gebracht. Vor allem vor dem Hintergrund, dass viele Social Media als Vertriebskanal sehen (wollen).  Ziele wie z.B. der Aufbau von Markensympathie und Markenpräferenz reichen da nicht aus. Ich sehe das jedoch als gefährlich an. Leben wir doch in Zeiten des sogenannten Information overload, bei dem wir lediglich 2% der mehreren Millionen Impulse um uns herum aufnehmen. Ich merke selbst, dass ich immer mehr und bewusster Wichtiges von Unwichtigem, Interessantes von Uninteressantem und Unterhaltsames von Langweiligem trenne, um noch den Überblick zu behalten und um mich nicht zu überladen. Ein Klick und etwas gefällt mir einfach nicht mehr. So auch in Social Media. Nervt mich etwas, ist es schnell „Entliked“. Da finde ich die Idee für ein Unternehmen des „Mitschwimmens“ in den „nicht linear rückgekoppelten Systemen“ doch sehr viel charmanter, um nicht Opfer seines kläglichen Versuches zu sein, „auf dem Podium einer Party“ zu stehen.

Was sagen Sie dazu? Es würde mich sehr interessieren, ob Sie die Worte von Dr. Peter Kruse ebenso interpretieren wie ich oder vielleicht eine ganze andere Meinung dazu haben?

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Von | 2016-12-22T16:31:58+00:00 22. Dezember 2016|Social Media|0 Kommentare

About the Author:

Anja Schindler
Online-Management bei der Volksbank Bühl /// Master of Arts, Fachrichtung Wirtschaftspsychologie

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